Bewußtsein und Schlaf


Es gibt Zeiten, unmittelbar nach dem Erwachen, wo der Mensch sein Ich noch suchen muß, wo mit der Erinnerung noch sein Bewußtsein weiter schlummert, während sein Körper schon wacht.

Man hat den Übergang vom wachen Zustand zum Schlaf auf vielfache Weise zu erklären gesucht. Das scheint mir so verkehrt, wie wenn man das Wesen der Gesundheit aus dem der Krankheit hervorgehen ließe. Den Worten sieht man es freilich nicht an, welche der bezeichneten Tatsachen die wesentliche sei. Die Nacht aber gebar sich den Tag und der Schlaf gebar sich das Wachen. Ich habe schon gesagt (S. 325): man könnte besser nach den Ursachen des Wachens fragen als nach denen des Schlafes. Der Schlaf braucht nicht erst erklärt zu werden.

Der Schlaf ist der natürliche Zustand jedes Organismus. Die Pflanze schläft fast immer: sie atmet und frißt dabei weiter und macht außer diesen mikroskopischen Veränderungen und denen des Wachstums von Zeit zu Zeit noch eine schlaftrunkene Bewegung der Sonne zu und dergleichen.

Diesen Pflanzenschlaf schläft der Mensch, soweit sein "niederes" Gehirn und das Rückenmark tätig sind. Er wie alle Tiere. Es ist eben einmal in Urzeiten ein Organismus umgestülpt worden. Die Würzelein, die den Bauch nährten, zogen sich ein, das Bäuchlein stülpte sich um die Wurzeln, die also ein Verdauungsapparat wurden. So denke ich mir die Trennung von Pflanzenreich und Tierreich, und weiter denke ich mir die Geschichte so:

Die umgestülpte Pflanze konnte nicht mehr schmarotzen, die Wurzeln krochen nicht mehr in die Nahrung hinein, sie mußte die Nahrung an sich ziehen. Die umgestülpte Pflanze, das Tier gelangte so, wir sagen durch Anpassung und Vererbung, dazu, Teile ihres Körpers nach der Nahrung hin zu bewegen. War sie kräftig genug, so zog sie den ganzen Körper mit, wie denn auch der ganze menschliche Bauch mitläuft, wenn die Füße der Nahrung nachgehen.

Aus der Nötigung, die Nahrung nah oder weiter außer sich zu suchen, erwuchs dem Tiere der Zwang, in sich Organe zu schaffen, die nach außen blicken, hören u. s. w. Die Sinne entstanden.

 

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Zu den Worten also, welche sich äußerlich nicht von positiven Begriffen unterscheiden, für unser Gefühl aber dennoch seltsamerweise Negationen sind (wie "links") gehört auch "Schlaf". Bei jeder Erklärung des Schlafs gehen die Gelehrten vom Wachen aus. Es wäre vielleicht einiges gewonnen, wenn man den Schlaf zum Ausgangspunkt aller Physiologie nähme. Jetzt sind die Begriffe so schief gestellt, daß man den Schlaf als eine Art Störung des natürlichen Geisteszustandes hinstellt, als eine Art Geistesstörung, wie denn auch wirklich die künstliche Verrücktheit allgemein Hypnose (Schlafzustand) getauft worden ist. Vielleicht, wie gesagt, würde man weiter kommen, wollte man den Schlaf als das Positive, als die Gesundheit fühlen, das Wachen als eine Art Negation, als die ursprünglich krankhafte Erregung, als die erste Überreizung des neuen Nervensystems, als eine Hyperästhesie. Nur daß ich schon wieder in Mythologie verfalle, wenn ich den einst so positiven Begriff Krankheit eine Negation nenne. Mythologie ist überall. Wundt sagt vom Schlafe (Gr. d. Phys. Psychologie II, 437): "Die allgemeinen Bedingungen seines Eintritts machen ... die Annahme wahrscheinlich, daß die Erschöpfung der im Nervensystem disponiblen Kräfte, sobald sie einen gewissen Grenzwert erreicht, in dem Schlaf einen Zustand herbeiführt, in welchem durch die stattfindende Muskelruhe und die verminderte Wärmebildung die erforderliche Ansammlung neuer Spannkräfte stattfindet." Auch in diesem schwer entwirrbaren Knäuel von Worten sind gefährliche Negationen versteckt.

 

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