Begriff und Art


Wie das Gedächtnis neue, niemals ganz gleichartige Fälle so assimiliert, daß die vorgefaßte Meinung dadurch bestätigt, der vorhandene Begriff dadurch mit bestimmt und nur unbewußt erweitert wird, genau so assimiliert das Leben im neuen Organismus (was wir dann in unserer Sprache in Erblichkeit und Anpassung auseinanderspalten) die neuen Eindrücke aus Klima, Nahrung, Kampf ums Dasein u. s. w. zu einer scheinbaren Fortsetzung des Mutterorganismus, welche Fortsetzung jedoch immer ein winziges Teilchen zur Entwicklung hinzufügt. Der neue Organismus glaubt ehrlich, daß er die Art fortsetze; so glaubt das Gedächtnis ehrlich, daß es gleiche Vorstellungen zu einem Begriffe verbinde; es gibt aber keine unveränderliche Art und es gibt keinen Begriff aus identischen Vorstellungen. Die Sache wird vielleicht durch ein Beispiel klarer. Die Entwicklung der Sprache, wie sie seit jeher vor sich ging und wie sie noch vor unseren Augen vor sich geht, beruht in Tausenden von Fällen darauf, daß ein Sprachfehler allgemach zu einem neuen Sprachgebrauche wird. Als zum ersten Male jemand die vergangene Zeit des starken Verbums backen so bildete, daß er anstatt "buk" "backte" sagte, da machte er denselben Sprachfehler, wie wenn ein dreijähriges Kind "ich trinkte" sagt anstatt "ich trank". Aber der ursprüngliche Sprachfehler wurde vom Sprachgebrauch angenommen, und es war gar nicht so übel, als diese Art von Formwandel mit dem Worte "falsche Analogie" bezeichnet wurde. Der ganze hier behandelte Grundfehler des Gedächtnisses besteht in solcher falschen Analogie. Die Sprachwissenschaft bietet zahllose Beispiele für diese Entwickelung. Nun aber ist der neueren Naturwissenschaft der Gedanke auch nicht mehr fremd, daß diejenigen Varietäten, welche relativ konstant werden und so zur Bildung neuer Arten führen, ursprünglich als Fehler, als eine Art von Krankheit angesehen werden können. Einer der schönsten Zierbäume unserer Gärten, der weißblätterige Ahorn, ist so ein Sprachfehler der Natur, der Sprachgebrauch geworden ist, eine Modefarbe, ein Modewort, eine Entartung, welche zu einer neuen Art führte; wie denn vielleicht auch die oft beschriebene Unruhe unserer Generation, die man Nervosität, Entartung, Décadence oder wie immer nennt, eine gewisse Entwicklungskrankheit ist, die möglicherweise in der Zukunft zu einer sogenannten höheren Differenzierung der Rasse werden kann. Ich will diesen Gedanken hier nicht verfolgen. Ich wollte nur festhalten und darauf hinweisen, daß der Grundfehler unseres Gedächtnisses, seine Unfähigkeit zwischen Gleichem und Ungleichem zu unterscheiden, sein wesentlichster Fehler, der aber zugleich der Anfang und das Ende unseres bewußten Geisteslebens ist, ebenso auch der wesentliche Grundfehler oder vielmehr (da der Gebrauch des Wortes Fehler eine menschliche Anmaßung ist) das Wesen des unbewußten Gedächtnisses, das Wesen aller Entwicklung ist.


 © textlog.de 2004 • 18.10.2017 13:13:29 •
Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright