Vergessen aktiv


Der sprachliche Ausdruck vergessen ist ungenügend, weil er die verschiedenen Arten des Vergessens nicht unterscheiden läßt und weil er einen negativen Charakter trägt. Erinnern deutet auf ein Behalten hin, vergessen auf ein Verlieren; das ist schon etymologisch begründet, wie denn to get noch heute im Englischen so viel wie erlangen heißt. Wie es jedoch eine Mechanik des Gedächtnisses gibt, wenn wir sie auch nicht beschreiben können, so muß es auch eine Mechanik des Vergessens geben; denn das Vergessen ist in der Wirklichkeit, kann also keine bloße Negation sein. Daß es eine Tätigkeit ist, wird uns bewußt, wenn wir etwas vergessen wollen und uns die Ausführung unserer Absicht mühevoll oder unmöglich wird. Hat uns eigene Schuld oder Verrat des Liebsten die Lebenfreude genommen, so kann es eine Angelegenheit von der äußersten Wichtigkeit für uns werden, ob wir die eigene, die fremde Schuld vergessen können oder nicht. Gelingt es zu vergessen, so liegt darin eine Wollust, die sicherlich nicht von etwas Negativem ausgehen konnte. Der fromme Katholik mag so etwas empfinden, wenn er absolviert wird. Und sehr schön hat Jakob Böhme die absolvierte Schuld mit dem Holzscheite im Kamin verglichen, weil beide unser Wohlsein steigern, indem sie zerstört und verzehrt werden. Auch das Verbrennen des Holzscheits ist dem sprachlichen Ausdrucke nach eine Negation; wir wissen aber seit hundert Jahren, daß das Verbrennen ein sehr positiver Vorgang ist, an welchem sich die Erhaltung der Energie am allerbesten nachweisen läßt. Gäbe es ein Vergessen als reine Negation, so wäre das Gesetz der Erhaltung der Energie für unser geistiges Leben nicht vorhanden.

Die aufbewahrende und die entfernende Tätigkeit des Gedächtnisses, das Behalten und das Vergessen, insbesondere der aktive Charakter des Vergessens wird uns verständlicher werden, wenn wir alle diese geistige Arbeit mit einer sehr bekannten vegetativen Arbeit des Leibes vergleichen. Hat doch auch die Ernährung der Tiere eine aufnehmende Seite und eine entfernende, wenn schon die letzte freilich nicht mit einem negativen Worte ausgedrückt wird. Das sehr positive Wort für die entfernende Tätigkeit assoziiert sich mit so unangenehmen Nebeneindrücken, daß es darüber in Verruf gekommen ist, "in Verschiß", wie die Studenten sagen. Der Arzt sogar, wenn er Bescheid haben will über die Entfernung der Nahrungsreste, fragt euphemistisch nach der Verdauung. Verdauung bezeichnet aber gerade diejenige Tätigkeit der Organe, bei welcher zwischen den aufzunehmenden und den zu entfernenden Stoßen unterschieden wird ("scheißen" etym. wohl aus "scheiden"). Was der Verdauung, zeitlich und räumlich, vorhergeht, ist chemische Aufbereitung des Stoßes; was der Verdauung folgt, ist fast mechanisch. Die Tätigkeit der eigentlichen Organe der Verdauung ist wie beim Auslesen von Erbsen oder Linsen immer Tätigkeit, ob nun die guten Körperchen herangeschoben oder die schlechten Körperchen fortgeschoben werden.

Und wie der tierische Organismus zu Grunde gehen müßte, wenn er keine gesunde Verdauung hätte, wenn er nicht den größten Teil der Nahrungsmittel wieder entfernen könnte, so müßte das menschliche Denken oder das Gedächtnis zu Grunde gehen, wenn es nicht vergessen könnte. Für die Sprache, deren Identität mit dem Gedächtnis er freilich trotzdem nicht erfaßt hat, spricht das Karl Otto Erdmann sehr hübsch aus am Ende seiner lesenswerten Schrift über "Die Bedeutung des Wortes". Er sagt da, nachdem er ganz richtig den gedankenlosen Wortgebrauch als den normalen hingestellt hat: "Daß wir die Kunst des Vergessens auf sprachlichem Gebiete so gewandt betreiben, daß es uns so leicht fällt, vom ursprünglichen Wortsinn abzusehen und einen 'gedankenlosen' Sprachgebrauch zu üben, das ist nichts weniger als ein Mangel des menschlichen Geistes; es ist vielmehr eine wertvolle Eigenschaft, auf der die Möglichkeit der Sprachentwicklung beruht."


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