Weltanschauung und Sprache


Man wird mir eher zugeben, daß die beschränkte Weltanschauung eines russischen Muschik mit seinem kleinen Sprachschatz identisch sei, als daß die Weltanschauung eines Dichters oder Denkers identisch sei mit seinem großen und unzähliger Kombinationen fähigen Sprachvorrat.

Aber die sogenannte Weltanschauung haftet so unlösbar an der Sprache, die die Erinnerung der ererbten und der erworbenen Erfahrung ist, daß man vergebens versuchen würde, irgend ein Etwas in der Weltanschauung eines Mannes zu suchen, was nicht in der Sprache dieses Mannes zu finden wäre. Wenn Kant seine Gänsefeder schneidet, dabei nur die Feder im Auge hat, und für ihn in dieser Minute sein Lebenswerk, sein ungeheures Wissen, die ganzen Vorstellungsmassen der Theologie, Astronomie, der englischen Philosophie u. s. w. nicht existieren, so sagt man wohl, "er denke in dieser Minute nicht daran". Nicht daran denken, heißt aber nichts anderes, als daß die Vorstellung, die augenblicklich im Nadelöhr der Gegenwart steht, keine Erinnerung weckt, kein Wort assoziiert von diesen großen und sonst für wertvoller gehaltenen Vorstellungsmassen. Wie der König nicht mit der Krone auf dem Kopf herumgeht und sich in allem Menschlichen sehr menschlich und bürgerlich betragen kann, in jedem Augenblick aber in der Lage oder in der Gefahr ist, die königliche Vorstellungsmasse hervorzurufen, so kann der größte Denker ganz spießbürgerlich, ja viehisch denken, bis die Feder geschnitten ist, er sie ansetzt und ihm nun entweder die Absicht, sein Ich fortzusetzen, das heißt an die gestrige Erinnerung anzuknüpfen, oder die unabsichtliche Erinnerung durch den Anblick der letzten Zeile plötzlich die ganze Vorstellungsmasse, z. B. von dem Planetensystem oder von der Frage nach der Möglichkeit "synthetischer Urteile a priori" vor dem Nadelöhr in Bewegung setzt. Was er von diesen Massen für das Wichtigste hält, woran er also das lebendigste Interesse hat, das wird als Wort erreichbar sein und die Gruppierung und das Zentrum, das er für das Wichtigste hält, wird man seineWeltanschauung nennen können. Er wird auch objektiv gewiß all den Mist seiner Gelehrsamkeit zur Nahrung dieses seines Wichtigsten verwenden, wie die gelbe Rose alle Nahrung nur für ihre Blütenart verwenden und andere ablehnen wird; aber immer ist es nur die seit seiner Geburt oder Zeugung angesammelte Erinnerungsmasse oder sein Sprachschatz, der bald als unbewußter Besitz oder als bewußter Besitzer sich bewegt, was wir als seine Weltanschauung personifizieren.

Und es ist sehr fraglich, ob Kant oft an die nach ihm benannte Planetentheorie und an seine kritische Philosophie zugleich gedacht hat, ob ihm seine beiden Taten jemals zu einer Weltanschauung zusammengeflossen sind. Das war etwa bei Descartes noch der Fall, weil bei ihm die neuen Begriffe oder Worte der kopernikanischen Lehren auch erst die neuen cartesianischen Begriffe oder Worte hervorgerufen hatten und er sich selbst verleugnete, als er ängstlich die kopernikanischen Lehren verleugnete. Das war bei Newton der Fall, der seine Theorie des Lichts gern an die Gravitation knüpfte. Dagegen war später die Astronomie schon eine Begrifiswelt für sich geworden, und so konnte Kant monatelang in einer Weltanschauung oder einem Wortschatz schwelgen, die mit seinem anderen Lebenswerk keine Verbindung hatten.

Weil dem so ist, weil Weltanschauung nichts ist als eine bestimmte Neigung oder Gewohnheit des individuellen Gedächtnisses, eine bestimmte Richtungsgewohnheit der sogenannten Assoziation, darum hat mit dem Wort "Weltanschauung" so viel Unfug getrieben werden können. Bei einem individuellen Kopf, z. B. Schopenhauer, kann man wenigstens bildlich und momentweise von einer Weltanschauung sprechen; sagt man aber von irgend einem Peter oder Paul, er habe die Weltanschauung Schopenhauers, so heißt das nur, er habe Worte aus dessen Büchern, mehr oder weniger klar, in seinen Sprachschatz aufgenommen.


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