Sprechen oder Denken ist Handeln


Ich sage also, daß die Zurückführung der Sprache auf Bewegungserinnerung den Gegensatz zwischen Körper und Geist, Ausdehnung und Denken, Wirklichkeit und Erkenntnis, Wille und Vorstellung überbrücken helfen muß. Denn wenn Geist, Denken, Erkenntnis (also die Welt als Vorstellung) für uns nichts ist als Sprache, die Sprache aber nichts als die Summe unserer Bewegungsgleise oder -erinnerungen, so ist auch die Erkenntnis, das Denken, die Welt als Vorstellung nichts als Wille, weil doch unsere Bewegungsvorstellungen als motorische Vorstellungen von unserem Willen ressortieren. Doch lassen wir die Schlagworte Schopenhauers; sie könnten hier verwirren.

In der Wissenschaft, wie in der volkstümlichen Anschauung gibt es die großen Gegensätze: Wahrnehmen und Handeln, Erkennen und Leben, passiv auf sich wirken lassen und aktiv nach außen wirken, kurz die Leistungen der sensiblen und motorischen Nerven und die Folgen dieser Leistungen. Der Gegensatz hört auf, wenn das Wahrnehmen und Erkennen auch eine Leistung der motorischen Nerven ist. Ein Syste-matiker mag fragen, was dabei aus den sensiblen Nerven werde, was aus der schönen, fast architektonischen Vorstellung von den zentripetalen, sensiblen und zentrifugalen, motorischen Nerven und der Seele zwischen ihnen? Mir genügt es, neben den sensiblen Nerven, welche die Außenbewegung heranmetamorphosieren, und den motorischen, welche die Reaktion wieder heraussenden, auch in Sprache oder Denken Bewegung gefunden zu haben.

Sprechen oder Denken ist Handeln.

Und wie die Sprache danach die aktive Reaktion ist auf die Wirkung, die die Wirklichkeitswelt auf unsere Sinne übt, die Handlung ist, welche festhält, welche darum identisch ist mit der Erbhandlung, die Gedächtnis heißt, wie die Sprache so der See ist, in welchen die Ströme münden, die durch die Pforten unserer Sinne von außen hereinströmen, ... so möchte die Sprache auch gar zu gern — nachdem all das Wasser gereinigt und in verschiedene Wissenschaften eingeteilt ist — abermals ein Meer werden und sich aus Gedächtnis in wahre Erkenntnis verwandeln. Sie möchte Philosophie werden. Aber sie kann sich nicht selbst aus dem Mutterleibe ziehen.

Wer nun aber glaubte, ich hätte durch diesen Versuch, zwischen der Wirklichkeitswelt, welche gegenwärtig als Atombewegung aufgefaßt wird, und der Erkenntnis, welche sich uns als der menschliche Schatz von Bewegungserinnerungen enthüllt hat, eine Brücke zuschlagen, ich hätte materialistischen Tendenzen nachgegeben, der hätte diese Ausführung gröblich mißverstanden. Habe ich doch vorhin resigniert genug den Oberbegriff Bewegung als ein bloßes Wort an den Pranger gestellt. Durch Zurückführung beider Welten auf ein Gemeinsames ist der Unterschied zwischen Natur und Geist — oder wie man ihn sonst ausdrücken will — natürlich nicht vernichtet. Liegt doch eine zweifache Bedeutung in dem Worte Bewegung verborgen; jahrtausendlange Gedankenarbeit hat uns nicht völlig von den Sophismen der Griechen befreit, welche bald alles fließen sahen (Herakleitos), bald alles Seiende für unbewegt erklärten (die Eleaten). Will man die Rätsel der Bewegung auflösen, so kann man es nur mit den weiteren Rätselworten Raum und Zeit. Es gibt keine Bewegung ohne Änderungen in Raum und Zeit. Alle diese Erscheinungen haben ihre innere und ihre äußere Seite; die Bewegung, welche das Tier auszeichnen soll, unterscheidet sich von der mechanischen Bewegung nur durch ein inneres Korrelat. Stellen wir uns aber auch für die Bewegungen der Physik und Chemie ein inneres Korrelat vor, so ist allerdings durch den Oberbegriff Bewegung für Wirklichkeit und Denken eine Brücke gebildet, die vielleicht mehr ist als ein bloßes Wort. "So weit die Natur reicht, so weit reicht die Bewegung. Dieselbe Bewegung gehört dem Denken an, freilich nicht in der Weise dieselbe, daß der Punkt in der Bewegung des Denkens den entsprechenden Punkt der Bewegung in der Natur äußerlich deckt. Dennoch muß es ein Gegenbild derselben Bewegung sein . . . Weil die Bewegung eine in sich einfache Tätigkeit ist, die sich nur erzeugen, nicht zerlegen läßt, wird sie zugleich die letzte sein, die aus keiner anderen stammt." (Trendelenburg, Log. Untersuchungen I, S. 111, 121). Vorsichtig will ich nur auf die gesicherten Etymologien hinweisen, nach welchen unser bewegen mit Wage und Gewicht zusammenhängt und dem französischen mouvement das Moment zu Grunde liegt.

 

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