Falsches Gedächtnis


Die Tatsache selbst ist jedermann bekannt, dem aufmerksamen Laien beinahe noch besser als dem Psychologen. Es ist die Tatsache, daß der Mensch im Laufe seiner Entwicklung diejenigen Erfahrungen leicht vergißt, welche seinem Glauben, seiner einmal bestehenden Meinung, seinem einstweiligen Urteile, das heißt also seinem Vorurteile widersprechen, daß er diejenigen Erfahrungen oder Fälle jedoch, die seinem Vorurteil entsprechen, fester und fester dem Gedächtnisse einprägt. Das deutlichste Beispiel hierfür scheint mir zu sein, wie sonst klare und vernünftige Menschen denjenigen Aberglauben, der ihnen lieb geworden ist, zu verteidigen pflegen. Wer den Freitag für einen Unglückstag hält, der merkt sich nicht die tausend und abertausend Freitage, an denen ihm nichts Unangenehmes passiert ist; er merkt sich aber den einen Freitag, an dem er sich sein Bein verstauchte, und fügt durch diesen einen Fall seinem Begriff vom Freitag als einem Unglückstag eine wichtige Erinnerung mehr hinzu. Aller Spott und alle Überlegung der übrigen vermag nichts gegen seinen Aberglauben, weil er auf alle Gegengründe mit seinem Gedächtnis antworten zu können glaubt. Es wäre müßig, zahlreiche andere Aberglauben anzuführen. Was bei bestimmten Krankheiten geholfen hat, was man über irgend ein Land oder irgend ein Volk sicher zu wissen glaubt, das alles beruft sich auf ein falsches Gedächtnis. Das falsche Gedächtnis weiß, daß an den Tagen großer Paraden in Berlin schönes Wetter ist, das Kaiserwetter. Das falsche Gedächtnis ist gerade auf diesem Gebiete entscheidend, auf dem der Meteorologie nämlich, weil es da scheinbar vorläufig die Wissenschaft vertritt. Fast alle Menschen behaupten und glauben zu wissen, daß der Mondwechsel gutes Wetter bringe, d. h. nämlich, daß der Vollmond bei klarem Wetter eintrete. In Wahrheit ist eben der Vollmond bei klarem Wetter zu sehen, sonst aber nicht; die Fälle seiner Sichtbarkeit aber prägen sich dem Gedächtnis, weil sie den alten Aberglauben unterstützen, fester ein und verstärken so den Begriff, den wir uns vom Vollmonde machen. Denn — wohlgemerkt — der Einfluß auf das Wetter gehört zu dem Begriffe oder dem Worte Vollmond.

In allen Fällen notorischen Aberglaubens — wie dem vom Freitag und dem von der Unglückszahl dreizehn — mag es leicht sein, den Leser von diesem Fehler des Gedächtnisses zu überzeugen. Schon bei der Wettermacherei des Vollmonds wird aber manch einer sich dagegen empören, daß das ein Aberglaube heißen solle; und ich muß schon mit wissenschaftlichen Gegengründen kommen, hier mit zuverlässigen Beobachtungen von Fachleuten, welche bewiesen haben, daß der entscheidende Einfluß der Mondphasen auf das Wetter eine Illusion sei.

Nun bemerke man, daß mancher ganz handgreifliche Aberglaube in früheren Zeiten ein Satz der Wissenschaft war. Die gesamte Astrologie, die gesamte Alchimie hieß einmal Wissenschaft. Ich erinnere mich aus meiner Jugend, daß der Prager Erzbischof an der Türe der Kirche, in welcher Tycho de Brahe begraben liegt, wie an anderen Kirchentüren Plakate anbringen ließ mit der Ansprache: "Fürchtet euch nicht vor dem Kometen". Es war also damals das Volk noch der Meinung, ein Komet am Himmel bedeute Krieg oder Pest oder das Ende der Welt. Dreihundert Jahre früher war noch der große Astronom Tycho selbst ein Astrologe gewesen. Kepler mußte sich noch, um nicht zu verhungern, zu astrologischem Schwindel brauchen lassen. Nicht jedermann war so klug wie der vom Mystiker zum Skeptiker gewordene Agrippa von Nettesheim. Der sagt (De incert. et vanit. scientiarum 31): Astrologie, auch Astronomie genannt, ist ganz und gar trügerisch, verlogener als die Fabeln der Poeten ... Er habe gelegentlich, um etwas Geld zu verdienen, aus der Dummheit der Menschen Nutzen gezogen und den Leuten den Unsinn vorgemacht, nach dem sie lüstern waren. . . . his fabulis vivunt, imponunt, lucrantur astrologi, poetis Interim earundem inventoribus egregie esurientibus. Den Kampf zwischen beiden Weltanschauungen können wir bei Shakespeare noch beobachten. Wohl antwortet Julius Cäsar auf die abergläubischen Gesichte seiner Gattin:

 

Ich gehe dennoch aus, denn diese Zeichen,

So gut wie Cäsarn, gelten sie der Welt.

 

Calpurnia aber antwortet:

 

Kometen sieht man nicht, wenn Bettler sterben . . .

 

und Cäsar sowohl wie Shakespeare scheinen ihr heimlich recht zu geben.

Denken wir noch weiter zurück, so finden wir bei den Griechen angeblich wissenschaftliche Vorstellungen, die Aberglaube sind. Nicht nur der durch und durch in Aberglauben, d. h. in Vorurteilen befangene Aristoteles stellt physiologische Sätze auf, welche der fühlbaren Wirklichkeit widersprechen (wie, daß die eine Körperhälfte wärmer sei als die andere), auch Mathematiker unh Mechaniker glauben, was nicht ist. Noch der Meister Archimedes glaubte, daß die fallenden Körper in gleichen Zeiten gleiche Räume zurücklegen. Überall mag hier das Vorurteil die Beobachtung selbst gefälscht haben, vor allem aber wurde jede auch nur scheinbare Bestätigung der vorgefaßten Meinung dem Gedächtnis fester und fester eingeprägt und so dem Aberglauben Dauer verliehen.


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