Gedächtnis und Erblichkeit


Man hat nämlich, wie erwähnt, von einem Gedächtnis der organisierten Materie gesprochen, damit nichts erklärt, aber dennoch ganz richtig die biologische Erblichkeit mit dem Gedächtnis verglichen. Beruht nun die Tätigkeit unseres Gedächtnisses in ihrer tiefsten Grundlage auf dem falschen Gedächtnis, d. h. auf dem unabwendbaren Schicksal des Gedächtnisses, Ungleiches gleich zu setzen und zwar — um die Worte des Ausgangs zu widerholen — zumeist nur diejenigen Fälle zu merken, welche die vorgefaßte Meinung bestätigen: so liegt der Entwicklung des organischen Lebens auf der Erde ein ähnlicher Vorgang zu Grunde. Dem von der bisherigen Psychologie angenommenen, zuverlässigen, treuen, schematischen Gedächtnis entspricht die Erblichkeit der Eigenschaften bei Pflanzen und Tieren. Der organische Keim enthält etwas wie ein Gedächtnis für die Geschichte und für die Form des Mutterorganismus beziehungsweise der beiden Formen und Organismen von Vater und Mutter. Wäre dieses Gedächtnis treu, so gäbe es keine Entwicklung. Da tritt aber dieser bloß angenommenen, niemals rein vorhandenen Erblichkeit die Anpassung zur Seite, welche ich in diesem Zusammenhange nicht anders als den Grundfehler der Erblichkeit nennen möchte, die falsche Erblichkeit, auf der aber wiederum, erst die Möglichkeit des Fortschritts beruht, die Entwicklung.


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