Abstraktion


Die Sprache ist also die Hauptquelle aller Assoziationen; und sie ist die Quelle aller Assoziationen, also des Gedächtnisses oder des Denkens umso ausschließlicher, je gebildeter das Denken ist, d. h. leider, je allgemeiner, umfassender, abstrakter es ist. Das Kind mag noch mit dem Worte Apfel die spezielle Vorstellung eines Himbeerapfels oder eines Borsdorfer Apfels verbinden, und mag darum mit dieser etwas konkreteren Vorstellung den Apfelbaum des Onkels assoziieren und den Tag, an welchem es den Apfel gestohlen hat. Der erwachsene und gebildete Mensch denkt bei Apfel nicht mehr an eine bestimmte Sorte, er wird viel eher geneigt sein, mit dem Worte Apfel den Begriff Obst oder Nachtisch zu assoziieren. Man sieht, die Assoziation des Kindes geht ins Enge, die des gebildeten und wohlhabenden Herrn ins Weite. Das wäre natürlich nur ein geringer Unterschied der Assoziationsrichtung. Dazu kommt nun aber, daß der Himbeerapfel oder der Borsdorfer Apfel beim Kinde ein starkes Assoziationszentrum ist, beim erwachsenen gebildeten Herrn ein minimaler Punkt, auf welchen sich nur selten die Aufmerksamkeit richtet. Der gebildete Mann hat es eher mit dem Begriffe Frucht als mit dem Begriffe Apfel zu tun; und je nach seinem Berufe werden noch weit abstraktere Begriffe als Frucht die Zentralstellen seines Denkens sein. Nun verlangt es aber schon beim Gebrauche des Wortes Frucht eine besondere Ursache, um mit diesem Worte die intensive Vorstellung einer besonderen Fruchtsorte oder gar eines besonderen Fruchtkörpers zu assoziieren. In den allermeisten Fällen wird das Wort Frucht so verwendet werden, wie wir die Sprache überhaupt gebrauchen; wir geben Worte wie Banknoten aus und stellen uns dabei gar nicht die Frage, ob dem Werte der Note im Schatze ein materielles greifbares Unterpfand entspricht. Ich habe dieses alte Bild wohl schon öfter gebraucht. Hier sehen wir jedoch den Leichtsinn des Sprachgebrauchs noch heller beleuchtet. Man sollte glauben, es wäre schon Oberflächlichkeit genug, wenn die Worte flüchtig an die ihnen zu Grunde liegenden Wahrnehmungen erinnerten. Jetzt aber sehen wir, wie die Worte ohne besondere Ursache nicht einmal dies tun, wie die Ideenassoziationen gerade beim erwachsenen Berufsmenschen das Gebiet der Abstraktionen gar nicht verlassen. Achten wir auf ein Gespräch, dessen Mittelpunkt der Fruchtbegriff: ist, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß die Ideenassoziationen eher zu Fruchtpreisen, zu Fruchtreichtum, zu Fruchteinfuhr und -ausfuhr, zu Fruchtsaft u. s. w. führen werden als zu der Vorstellung eines individuellen Apfels; und dabei gehört Frucht immer noch zu den Begriffen, welche ein Schüler konkret nennen wird. Je höher das Gedankenleben eines Menschen sich erhebt, je geistiger sein Beruf ist, je abstrakter die Gegend, aus welcher er seinen Wortvorrat holt, desto seltener wird er nach der Gewohnheit menschlichen Denkens auf die unmittelbaren Sinneseindrücke als die letzten Ursachen seiner Begriffe reflektieren, desto sicherer und unbewußter wird er den Luftsprung von Wort zu Wort ausführen, desto ausschließlicher wird seine Gedankenassoziation oder sein Denken von seiner Sprache beherrscht werden. Es ist das freilich nur ein anderer Ausdruck für unsere Überzeugung, daß das menschliche Denken so arm ist wie die menschliche Sprache, nicht arm an Zeichen, doch arm an Wert. In diesem Zusammenhang, hier, wo wir die Erscheinung der Ideenassoziationen als die Grundlage dessen erkannt haben, was wir je nach unserem Standpunkte bald das Denken, bald die Sprache zu nennen gewöhnt sind, — in diesem Zusammenhange ahnen wir, wie unser Denken oder Sprechen uns, die wir in jedem Augenblicke von unserer engen Aufmerksamkeit getäuscht werden, nicht mehr ist als das Spielen des Sonnenlichtes über den unzähligen Wassertropfen, die vor uns aus einer Regenwolke niederfallen. Jedem Betrachter ordnen sich Millionen Lichtpunkte zu einem anderen schönen und farbigen Regenbogen. Wir können den Regenbogen physikalisch verstehen. Wir können uns des Regenbogens erfreuen. Aber der Regenbogen gehört nicht zur Wirklichkeitswelt.

 

Es kamen ihrer drei gezogen,

Erblickten einen Regenbogen.

Der erste sprach: "Es hat geregnet,

Ja, meine Felder sind gesegnet." —

Der zweite rief: "Wie wonniglich!

Nichts gibt es schöner und nichts bunter!" —

Der dritte aber baute sich

Darauf ein Haus und fiel herunter.


 © textlog.de 2004 • 15.12.2017 09:24:36 •
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