Traum


Dem Spiel des Lichts auf unzähligen Wassertropfen gleichen die Ideenassoziationen im wachen Zustande wie die im Traume. Im Traume wie im Wachen springt unsere Phantasie von einem Lichtpunkte zum anderen und baut die luftige Brücke des Regenbogens auf goldenen Schüsselchen, die nirgendwo stehen. Von Platon bis Schopenhauer ist das menschliche Denken oft und oft mit den Träumen der Schlafenden verglichen worden. Ein Unterschied ist da nur für die gemeine Bedürftigkeit des wachen Menschen. Der Träumende hat recht, wenn er einen Unterschied nicht wahrnimmt. Denn die Ideenassoziation des Traumes unterscheidet sich vom wachen Denken nur dadurch, daß die brutalen Sinne nicht immer wieder die Aufmerksamkeit auf irgend eine Notdurft des Lebens richten, daß die Träume, unter sich zusammenhängend, mit der Wirklichkeit nur noch durch einen dünnen Faden verknüpft sind und höchstens ab und zu durch leise Mitteilungen der schlafenden Sinne neue Anregungen erfahren. Das ist wichtig für die Geschäfte des Gehens und des Essens und des Geldverdienens. Im Traume können wir fliegen, im Traume finden wir goldene Berge. Im Wachen nur stößt uns die Wirklichkeit den rauhen Weg der Notdurft. Was wir jedoch über die Notdurft des Lebens hinaus unser Denken nennen, das ist wie der Regenbogen ein Spiel des Lichts, ein anderes für jeden Menschen, das ist wie der bunte Teppich der Träume ein Spiel. So fest und sicher die Kreisform des Regenbogens subjektiv entsteht, ein anderer Kreisbogen für jeden Betrachter, so fest und sicher assoziieren wir in unserem stolzen Denken die Farbe und die Raumform an den Gegenständen der Wirklichkeitswelt, die Raumform mit der Zeit, und niemand weiß zu sagen, ob die Verbindung des Raums mit der Farbe oder mit der Zeit mehr sei als der ewig wiederkehrende wache Traum der Menschheit. Wohl träumen wir unsere Bilder ohne Worte. Wenn wir Worte träumen, so träumen wir wieder Gehörbilder, so träumen wir Dialoge. Wir träumen wortlos, weil im Traume kein Wollen, kein Interesse, also keine Aufmerksamkeit uns an die Notdurft des Lebens kettet. Wenn wir wachen, so orientieren wir uns an unseren Worten innerhalb unserer gemeinen Interessen. Jenseits dieser Interessen sind die Worte nichts weiter als Träume, weil die Worte allesamt Metaphern sind, Bilder, in denen unsere Vorstellungen wie Mücken durcheinanderschwärmen. Wenn wir einen Ton hoch nennen, so ist uns das Bild so geläufig, daß wir glauben, uns etwas dabei zu denken; aber im Altertum hat man die hohen Töne tief genannt und auch geglaubt, sich etwas dabei zu denken. Die Sprache ist Ideenassoziation, und die Sprache ist metaphorisch. Der Traum ist Ideenassoziation, und der Traum schenkt uns eitel Bilder. So ist die Sprache der ewige Traum der Menschheit, den wir für bedeutungsvoll halten, weil er bei jedem Erwachen wiederkehrt und die gleichen Bilder vorführt. Wir müssen uns befreien vom Aberglauben an die Sprache, wie wir uns befreit haben vom Glauben an die Bedeutung der Träume.

Es gibt Traumbücher für abergläubische Bettler, und der Verfasser eines philosophischen Werkes ist geneigt, in einem Traumbuche etwas zu sehen, was mit seinem eigenen Werke so wenig zu schaffen hat wie eine Seifenblase mit einer Pyramide. Ich aber fürchte: wenn man absieht von den Diensten, welche die Sprache der Notdurft erweist, ist die Sprache das Traumbuch der armen wortgläubigen Menschheit. Wir haben uns gewöhnt, die Ideenassoziationen des ewig wiederkehrenden Tagestraumes in Worten zu ordnen, weil wir sie im Gedächtnisse behalten wollten. Wir haben unser Gedächtnis durch den Gebrauch der Worte bis zum vermeintlichen Denken gesteigert; und weil wir Worte haben, so glauben wir an sie. Aber nur gebunden an die Worte sind die Assoziationen, nur noch unfreier sind sie geworden durch das Gebundensein. Dann hat man gar die Sprache durch Schrift und Druck noch fester gebunden als durch den Sprachgebrauch und hat geglaubt, noch weiter gekommen zu sein im Denken. Jawohl, bis an die Sterne weit. Wie viel Menschen in Berlin wohnen und wie viel Häuser da stehen, und wie viel Zentner Mehl und Fleisch es im Jahre verbraucht, nur das wissen wir besser durch Schrift und Druck, als es möglich wäre durch die Sprache von Mund zu Mund. Vollends unfrei aber ist durch Schrift und Druck geworden, was von den Assoziationer unserer Vorstellungen schon durch die Bindung an das Wort unfrei geworden war. So belasten alle künstlichen Mittel unseres Gedächtnisses diese Fähigkeit nur, anstatt sie zu bereichern. Eine Befreiung aus dieser Unfreiheit gibt es nicht. Und selbst diese unsere Einsicht in die ernstliche Traumhaftigkeit unseres Denkens ist keine Rettung aus der Nacht in den Tag oder aber aus dem Tagestraum in die nachtwandlerische Sicherheit des Schlaftraums, sondern nur eine vorübergehende Erlösung von dem Alp des Denkens, wie wohl mancher Träumer, inmitten der Angst eines geträumten Schreckens, plötzlich in halbem Erwachen zu sich selber spricht: sei ruhig, es ist alles nicht wirklich.

 

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Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005