Assoziationsgesetze


Nun folgen aber die Einzelerinnerungen nicht nur so in der Zeit aufeinander, wie sie durch aufeinanderfolgende Wahrnehmungen angeregt werden (wenn ich z. B. durch meine Vaterstadt wandere und dieses und jenes Haus alte Erlebnisse ins Gedächtnis zurückruft), sondern es ist auch eine Tatsache, daß eine einzige Anregung genügt, um automatisch eine unendliche Reihe von Erinnerungen wachzurufen, die dann natürlich in der Zeit aufeinanderfolgen. Ein lebhafter Kopf kann während der Dauer einer Stunde eine Kette von Erinnerungen durchlaufen, die sich durch Himmel und Erde, durch alle Wissensgebiete, durch Lust und Schmerz, durch Vergangenheit und Zukunft hindurchzieht, das letzte insofern, als auch Erwartungen schließlich doch nur Endglieder von Erinnerungen sind. Spricht man in der Psychologie von der Zeitfolge der Erinnerungen, so nennt man diese gewöhnlich nicht Erinnerungen, sondern Gedanken oder Ideen, und nennt die seelische Erscheinung selbst seit der Zeit der Scholastiker, mit einem technischen Ausdrucke allerdings erst seit Locke, Ideenassoziation. Neuerdings hat Haeckel, der als Greis neue Worte fast noch lieber hat oder besser behalten kann als neue Tatsachen, das schwierige Wort durch "Assozion" mundgerechter zu machen gesucht. Die Engländer waren die ersten, welche die Assoziationspsychologie fein ausgebildet haben. Nach ihnen haben dann die Deutschen die sogenannten Assoziationsgesetze aufgestellt und zunächst die Assimilation als die Verschmelzung sehr ähnlicher, die Komplikation als die Verschmelzung unähnlicher Gebilde zur Grundlage der Assoziation gemacht, sodann das Gesetz der Zeitfolge von Assoziationen systematisch durchzuführen gesucht. Über die grobschlächtigen Andeutungen des Aristoteles, nach dem Assoziationen namentlich durch Ähnlichkeit und Gegensatz und durch zeitliche oder räumliche Nachbarschaft der Erinnerungsbilder hervorgerufen werden, ist man freilich nicht wesentlich hinausgekommen, obgleich nach Hume Schopenhauer, der übrigens die Analogie neben die Ähnlichkeit setzte, bedeutungsvoll auf das Verhältnis von Grund und Folge als eine wichtige Quelle der Assoziationen hinwies und das Bedürfnis fühlte, eine Seelenkraft aufzustellen, welche als tiefere Ursache unter allen möglichen Assoziationen die letzte Wahl trifft. Selbstverständlich sah der Willensphilosoph diese Kraft im menschlichen Willen. Und dann soll wieder die Assoziation der vom Willen unabhängigste Gehirnvorgang sein. Alle Assoziationsphilosophen widersprechen einander und müssen einander widersprechen; die herrschende Lehre des psychophysischen Parallelismus macht jede Verständigung unmöglich: einerseits kann die tägliche Selbstbeobachtung lehren, daß es innere Assoziationen gibt; anderseits verlangt der Satz, daß die psychische Kausalreihe nicht auf die physische wirken könne, den Ausschluß aller inneren Assoziationen. Trotz aller Dunkelheiten wollten die Assoziationsphilosophen in ihren Assoziationsgesetzen etwas entdeckt haben, was dem Gravitationsgesetze an Wert gleichkam. So John Stuart Mill. Ist aber schon die Gravitation trotz ihrer unverrückbaren Gültigkeit nur eine Hypothese, nur eine Metapher, welche die beschriebene Erscheinung zu erklären glaubt, so sind die Assoziationsgesetze trotz ihrer ungefähren Gültigkeit doch zur wissenschaftlichen Tat, zur Bestimmung der Zukunft unbrauchbar, weil wir nicht aus diesen Gesetzen, sondern höchstens und unsicher aus dem Charakter und der Gewohnheit des Einzelmenschen die Erwartung erschließen können, welche unter den möglichen Assoziationen der nächste Augenblick bringen werde. Wie das Gedächtnis sich zur Aufmerksamkeit und zur Übung verhält, so auch zur Assoziation. Die Assoziationsphilosophen sind in ewiger Verlegenheit, ob sie das Gedächtnis zur Grundlage der Assoziationen machen sollen oder umgekehrt.

Spinoza hat schärfer gesehen als seine Vorgänger und Nachfolger. Unbeirrt von der mangelhaften Physiologie und Psychologie seiner Zeit, hat er an einer beachtenswerten Stelle (Ethik II, prop. 18, sch.) das Gedächtnis und die sogenannte Ideenassoziation identifiziert. Er sagt: "Hinc clare intelliginius. quid sit memoria. Est enim nihil aliud, quam quaedam concatenatio idearum, naturam rerum, quae extra corpus humanum sunt, involventium, quae in mente fit secundum ordinem et concatenationem affectionum corporis humani.'' Zu Deutsch: "Hieraus (nämlich aus cartesianischen Vorstellungen, bei deren Prüfung wir uns hier nicht aufhalten wollen) ersehen wir deutlich, was das Gedächtnis ist. Es ist nämlich nichts anderes, als eine gewisse Verkettung von Ideen, welche die Natur der Außendinge begreifen, und welche (die Verkettung) im Geiste entsteht nach der Ordnung und der Verkettung der menschlichen Sinneseindrücke."



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