Assoziation in Worten


Wer diese schöne und merkwürdige Definition Spinozas zu Ende denkt, der muß meines Erachtens zu einer Einsicht gelangen, welche die Erscheinung der Assoziation an noch viel einfacheren Seelentätigkeiten wiedererkennt. Spinoza geht an der zitierten Stelle von dem wohlbekannten Falle aus, daß ein Mensch zwei Dinge zugleich wahrgenommen hat und nachher nach dem Untergesetze von der zeitlichen Berührung durch das eine Ding an das andere erinnert wird. Unterscheidet sich nun die gleichzeitige Erregung der Seele durch zwei Dinge gar so sehr von der gleichzeitigen Erregung der Seele durch zwei verschiedene Sinneseindrücke eines und desselben Dings? Wenn ich durch den Anblick eines Bergwaldes an mein Vaterhaus, durch den Geruch von Nelken an eine bestimmte schöne Frau erinnert werde, so wird mir das durch Gedankenassoziationen erklärt. Wie aber, wenn ich die Komplikation von Sinneseindrücken, welche ich unter dem Worte Apfel zusammenfasse, den Geruch, den Geschmack, die Form, die Farbe, das Gewicht, die Konsistenz u. s. w. in meiner Erinnerung so beisammen habe, daß eine einzige dieser Wahrnehmungen mich an alle anderen erinnert, wenn ich also durch den Geruch oder durch den Geschmack oder durch den Anblick zu dem Urteil geführt werde: "das ist ein Apfel", wenn ich demnach die simpelste Anwendung von der menschlichen Sprache mache, liegt da nicht die gleiche Ideenassoziation zu Grunde? Gewiß. Und Worte sind ja auch nichts anderes als das Gedächtnis assimilierter Wahrnehmungen. Wir werden uns nun nicht mehr wundern, wenn wir plötzlich die Hauptquelle all unserer Assoziationen in den Worten unserer Sprache erblicken werden. Diese Beobachtung ist, wenn sie richtig ist, von so entscheidender Wichtigkeit für das Wesen der Sprache, daß ich nicht umhin kann, den aufgestellten Satz genauer zu prüfen. Und die Sprache wird sich dabei wieder als so unzulänglich erweisen, wie wenn ich einem Stadtkinde den Unterschied zwischen Tanne und Fichte erklären wollte, ohne die beiden Bäume in Wirklichkeit oder in guten Bildern zeigen zu können. Jedenfalls wollen wir von Anfang an und für das Ende festhalten, daß Ideenassoziation dasselbe ist wie Gedächtnis, daß es ein abstraktes Gedächtnis nicht gibt, sondern nur die Handlungen der Erinnerung, und daß jede Einzelerinnerung zuletzt Vergleichung ist, die sich entweder bei einer Ähnlichkeit beruhigt und zu dem Satze führt: das ist dasselbe, oder den Grad der Unähnlichkeit für ausreichend hält, um zu sagen: das ist etwas anderes. (Vgl. III. 83 f.)

Daß die Worte die Hauptquelle der Ideenassoziationen seien, ist natürlich nur ein bildlicher Ausdruck für die Behauptung, es seien die Worte der Sprache die Hauptursache der Assoziationen. Dies kann nur von einer Seite gesehen richtig sein. Versetzen wir uns in den Geist eines gewöhnlichen Redners oder Schriftstellers, der Worte zu Markte trägt, oder in den Geist seines Zuhörers oder Lesers, so werden alle Ideenassoziationen ausschließlich durch Worte hervorgerufen. Man kann da sagen, daß für den gebildeten Durchschnittsmenschen das Wort die Ursache aller Gedankenketten ist, die alleinige Ursache. Anderseits sind, wie wir eben gesehen haben, die Worte der Sprache erst durch Ideenassoziationen entstanden und neue Begriffe entstehen noch heute im schöpferischen Kopfe des genialen Menschen durch neue Ideenassoziationen. Wenn es nämlich wahr ist, daß der Begriff Apfel, d. h. die Verknüpfung eines besonderen Geruchs, Geschmacks u. s. w., zu einer unlöslichen Gesamtvorstellung ein Werk der Ideenassoziation ist, genau so wie die Verknüpfung der Begriffe Apfel, Apfelbaum, Sommer, meine Heimat, meine Jugend, — dann ist wirklich die Assoziation die alleinige Ursache der Worte. Ebenso war es eine neue Gedankenassoziation, als z. B. Schopenhauer in dem Herunterfallen eines Apfels und in dem Niederschlagen der Faust eine Ähnlichkeit erblickte und daraus seinen Willensbegriff formte. Da es Wechselwirkungen, da es eine Ursache ihrer selbst nicht geben kann, so ist es klar, daß wir die Ideenassoziation schon wieder in zwei verschiedenen Bedeutungen nehmen. Aber dieser Zwiespalt geht in viel höherem Maße, als man glauben sollte, durch alle Naturbetrachtung. Wir können uns von dem obersten der modernen Begriffe, von der Entwicklung, nur darum kein deutliches Bild machen, weil jeder Anpassung eine Vererbung und jeder Vererbung eine Anpassung vorausgehen muß, und weil wir demnach niemals zu einem Anfangspunkte der Entwicklung gelangen können. Das gewählte Beispiel ist für unsere Frage nicht ganz gleichgültig, weil Anpassung und Vererbung eigentlich wieder erworbenes und organisch gewordenes Gedächtnis ist, also vielleicht der Ideen assoziation als Ursache der Worte und der Ideenassoziation als Wirkung der Worte verwandt ist. Nicht meine Schuld ist es, wenn alle Begriffe wieder einmal gegeneinander streiten; es ist Schuld unserer psychologischen Terminologie, die so unfertig ist, wie etwa die Gemeinsprache gewesen sein mag, als man noch nicht einig darüber war, die Vierfüßler und die Vögel in besonderen Klassen zu trennen.


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