Vergleichung


Das Rätsel ist also zwar nicht gelöst, aber mit einer alltäglichen Erscheinung in Zusammenhang gebracht, wie wir gleich sehen werden. Ich habe eine Melodie gehört. Ich erinnere mich ihrer, d. h. ich singe sie in meinem Innern nach. Es gelingt mir nicht, sie richtig nachzusingen, aber ich empfinde die Gewißheit, daß ich mich ihrer falsch erinnere, d. h. ich vergleiche die Nervenerregung, die mir mein innerliches Falschsingen verursacht, mit der zurückgebliebenen Disposition zur Nervenerregung, welche die richtige Melodie in mir verursachte. Dieser Vorgang ist aber kein anderer als der, auf welchem von Anfang bis zu Ende alle unsere Begriffe oder Worte, all unser Denken oder Sprechen beruhen. Die gesamte Tätigkeit der Klassifikation, welche unsere Menschensprache hervorgebracht hat, ist ja nichts anderes als die Vergleichung von Eindrücken und die Gleichsetzung ähnlicher Eindrücke durch ein gemeinsames Wort. Alles Urteilen ist nichts anderes als die Anwendung einer bestehenden Klassifikation auf einen neuen Eindruck, d. h. die Vergleichung einer gegenwärtigen Nervenerregung mit der Erinnerung an frühere Nervenerregungen. Alles Schließen und Denken ist eine komplizierte Vergleichung. Spencer schon hat erkannt, daß alles Denken aus dein Erkennen der Beziehungen von Gleichheit und Ungleichheit besteht. Er hat gezeigt, daß jede solche Beziehung nichts ist als eine Veränderung im Bewußtsein und daß jede Veränderung im Bewußtsein mit einer Erregung verbunden ist. Plötzliche Veränderungen im Bewußtsein können lebhafte Erschütterungen erzeugen, wie ein greller Blitz bei Nacht oder der Donner eines einschlagenden Blitzes. Aber auch Erinnerungen, also nicht von außen kommende plötzliche Veränderungen des Bewußtseins können uns einen Ruck geben, wie wenn es mir zu spät einfällt, daß ich eine Verabredung vergessen habe. Je weniger plötzlich oder je geringer die Veränderung ist, desto weniger leicht tritt sie über die Schwelle des Bewußtseins.

Der Begriff Veränderung hat überdies den großen Vorteil, daß er auf unser Denken angewandt werden kann, einerlei. ob wir es physiologisch oder psychologisch zu analysieren versuchen. Und er ist, wenn wir vor der letzten Konsequenz nicht zurückschrecken, der Oberbegriff für die Beziehungen der Gleichheit und Ungleichheit. Ich kann an dieser Einsicht nicht ganz schnell vorübergehen, weil sie bei der Reziprozität von Gedächtnis und Vergleichung einerseits, Gedächtnis und Sprache anderseits, also bei der nahezu vollständigen Gleichwertigkeit der Begriffe Sprache und Vergleichung wieder einmal ein Licht auf den Glauben wirft, man könne mit Hilfe der Sprache im Denken fortschreiten.

Haben wir nämlich eingesehen, daß das gesamte Gedächtnis des Menschengeschlechtes oder das Denken oder die Sprache ein Vergleichen ist (wobei, wie wir sahen, Ähnliches schon gleich genannt wird), so läßt sich alle Denktätigkeit in. zwei ungeheure Gruppen einteilen, welche ich allerdings nur ungenau beschreiben kann, weil ich die entsprechenden Begriffe dem gewohnten Sprachgebrauche gemäß anwenden muß. Die beiden Gruppen sind etwa durch die Worte klassifizieren und wiedererkennen zu kennzeichnen; in der ersten Gruppe werden unmittelbar gegebene Eindrücke oder unmittelbar gegebene und erinnerte Eindrücke so lange verglichen, bis die Dispositionen zu ihrer Erneuerung sich — man kann wohl sagen — vereinigen und eine abgekürzte Formel für alle Dispositionen vorliegt: ein Wort, ein Begriff; in der zweiten Gruppe wird ein unmittelbarer oder ein erinnerter Eindruck oder bereits eine abgekürzte Formel für ein System von Eindrücken mit einer anderen Formel verglichen. Jede Klassifikation oder Begriffsbildung ist eine Gleichung, bei welcher wir infolge langer Einübung das Gleichheitszeichen nicht mehr brauchen; jedes Wiedererkennen oder Urteilen ist auch formell eine Gleichung, in welcher wir das Subjekt mit dem Prädikat, den Begriff mit seiner Definition u. s. w. ausdrücklich gleichsetzen. Die unzähligen Fälle, in denen die Kopula "ist" nicht eigentliche Identität, sondern Unterordnung aussagt, sind keine Ausnahmen, denn sie lassen sich sehr einfach auf eine Gleichung zurückführen. "Das Pferd ist ein Säugetier" heißt so viel wie "Das Pferd = eines von den. Säugetieren." Auf der gefälligen Annahme der Gleichheit beruht unser ganzes geistiges Leben.


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