Ähnlichkeit


Dürfen wir nun nicht von einer objektiven Gleichheit sprechen, sondern nur von dem subjektiven Gefühle der Gleichheit, haben wir erkannt, daß physiologische oder psychologische Veränderung der Begriff ist, unter welchem sich das Gefühl der Gleichheit und der Ungleichheit scheidet, so sehen wir auf den ersten Blick, daß wir die beiden Endzustände einer Bewußtseinsänderung, die uns einen noch so kleinen Ruck gibt, unähnlich oder ungleich nennen, und daß wir je nach der Schärfe unserer Organe die beiden Endzustände einer Bewußtseinsänderung, die uns keinen Ruck gibt, Zustände, die uns ähnlich erscheinen, gleich nennen. Absolute Gleichheit ist eine Abstraktion des mathematischen Denkens. In der Wirklichkeitswelt gibt es nur Ähnlichkeit. Gleichheit ist starke Ähnlichkeit, ist ein relativer Begriff. Von der Schärfe der Sinnesorgane oder weiter des wissenschaftlichen Denkens, in letzter Instanz von der Aufmerksamkeit oder dem Interesse hängt es ab, wie weit z. B. eine Klassifikation getrieben wird, ob wir den Begriff Pferd als tiefste Unterart kennen oder Pferderassen unterscheiden, oder Unterrassen, oder gar jedes einzelne Pferd, wie der Wachtmeister die Pferde seiner Schwadron kennt. Auf Ähnlichkeit, nicht auf Gleichheit ist alles Klassifizieren oder die Sprache aufgebaut, auf Ähnlichkeit, nicht auf Gleichheit all unser Urteilen oder die Anwendung der Sprache. Alle Logik aber, auch die Algebra der Logik, geht von dem mathematischen Begriff der Gleichheit aus und ist darum eine gefährliche Wissenschaft. Um nicht zu weit abzuschweifen, sei nur kurz erwähnt, daß auch der Begriff oder das Gefühl der Kontinuität aus dem Gefühle der Ähnlichkeit allein entsteht. Ich will das nur bildlich ausdrücken. Ein geübtes Ohr wird vom tremolierenden Singen verletzt, von Tönen also, welche durch ein Beben der Stimme unterbrochen werden; ein unmusikalischer Mensch empfindet das Tremolieren vielleicht gar als eine Schönheit. Hier ist die Einheit durchbrochen und doch die Kontinuität gewahrt. In mikroskopischer Wirklichkeit besteht aber jeder Ton aus einzelnen Stößen; es wird immer tremoliert. Und in mikroskopischer Wirklichkeit ist ganz gewiß der eine Stoß nicht genau gleich dem anderen, sondern nur ähnlich. Wir hören aber diese Ähnlichkeit so sehr als Gleichheit, daß wir überhaupt nur einen Ton hören. Alles Klassifizieren unserer Begriffsbildung, ja unserer Wahrnehmung leidet an dem "gleichen" Fehler.

Ist somit alle Tätigkeit des Gedächtnisses nur ein Vergleichen, ein geheimnisvolles Vergleichen präsenter Nervenerregungen mit Nervendispositionen, welche freilich wieder in anderem Zusammenhange allein Erinnerungen genannt werden, ist dieses Vergleichen eigentlich nur ein bequemes Gleichnennen ähnlicher Eindrücke, so kann es gar nicht anders sein, als daß das Ergebnis dieses Gedächtnisses, nämlich die Entstehung und die Anwendung des Gesamtgedächtnisses oder der Sprache, sich mit einem à peu près behilft und niemals zu einer mathematisch exakten Grundlage des Weiterdenkens dienen kann. Wir sind aber nach den bisherigen Ergebnissen im stände, die sprachkritische Untersuchung der durcheinanderschwebenden Begriffe Gedächtnis und Bewußtsein um eine kleine Strecke weiter zu verfolgen.


 © textlog.de 2004 • 12.12.2017 11:28:57 •
Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright