Gedächtnis für Beziehungen


Wir können jetzt sagen, daß jede Erinnerung eine Aktion ist und zwar eine Bewußtseinsänderung, welche zwei Nervenzustände vergleicht. Dies gilt wenigstens für das bewußte Gedächtnis. Und es ist nicht meine Schuld, sondern Schuld der Sprache, wenn ich hier das Bewußtsein, welches nur Gedächtnis von einem anderen Gesichtspunkte ist, diesem Gedächtnisse bald zu- bald abspreche. Wenn wir nun vorhin gesehen haben, daß es ein passives Gedächtnis gar nicht gibt, so dämmert vielleicht die Überzeugung auf, daß die bisherige Psychologie irrte, wo sie zunächst an eine Reproduktion von Sinneseindrücken glaubte, in letzter Zeit aber nur vorsichtig bemerkte, wie das Gedächtnis für Beziehungen, d. h. für Bewußtseinsänderungen stärker sei als für einzelne Wahrnehmungen. Ich fürchte sehr, daß wir ein solches Gedächtnis für einzelne Wahrnehmungen gar nicht besitzen, sondern nur eines für Beziehungen, daß jede Erinnerung eine Tätigkeit ist, eine Bewegung, durch welche wir eben von einem Bewußtseinszustand zum anderen übergehen. Kehren wir zu unserem Beispiel von der Melodie zurück. Auch guten Musikern ist es unmöglich, einen bestimmten einzelnen Ton passiv in ihrem Gedächtnisse zu haben; es ist ihnen aber sogar auch schwer oder unmöglich, den bestimmten einzelnen Ton mit absoluter Sicherheit in ihrer Kehle oder auf der Violine zu bilden. Sie lassen sich den ersten Ton auf einem gutgestimmten Klaviere anschlagen. Sodann aber bilden sie die Melodie, also die Bewegung zu den weiteren Tönen mit voller Sicherheit. Wir können diese bekannte Erscheinung allgemein so ausdrücken, daß das Wesen des Gedächtnisses in der Assoziation besteht, d. h. doch wohl in der Bewegung auf einem bereits zurückgelegten Wege. Gehörveränderungen und die mit ihnen aufs innigste verwandten Zeitvergleichungen sind ganz besonders stark assoziierbar und reproduzierbar.


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