Übung Aufmerksamkeit


Die fundamentale Bedeutung des Gedächtnisses für die Erscheinungen, die wir als unser Seelenleben oder als unsere Gehirntatigkeit zusammenfassen, ist klar; und wir wissen auch bereits, daß das Gedächtnis der organischen Materie ebenso Bedingung ist für die vegetativen Funktionen des menschlichen Körpers. Klar ist uns auch die außerordentliche Schwierigkeit, uns über die letzten Ursachen psychischer Vorgänge mit den Mitteln der Sprache auseinanderzusetzen. Es heißt z. B., das Gedächtnis werde durch Aufmerksamkeit und durch Übung verstärkt. Da wäre denn einmal Aufmerksamkeit, das andere Mal Übung etwas, was der jeweiligen Gedächtnisarbeit vorausgeht. Und doch wird Aufmerksamkeit in den weitaus meisten Fällen erst durch eine Erinnerung, also durch Gedächtnisarbeit erregt, und doch ist Einübung ohne eine jedesmal vorausgehende oder mitgehende Erinnerung unmöglich. Unsere Untersuchung, welche zuletzt auf den Wert der Begriffe oder Worte angelegt ist und auf die Realität dessen, was die Begriffe oder Worte uns vorstellen lassen, — unsere Untersuchung führt uns nun zu der naheliegenden Frage, welcher von den eben gebrauchten Begriffen eigentlich etwas Wirkliches darstelle: Übung, Aufmerksamkeit oder Gedächtnis? Es können doch unmöglich in der Seele des Menschen diese drei Begriffe als leibhaftige Seelenvermögen beisammen sitzen und einander, wie die drei Nomen in der schemenhaften Vorstellung Wagners, das Seil zuwerfen. Es können auch unmöglich leibhaftige Seelenvermögen zu zweien oder zu dreien an unseren Gedanken weben. Unmöglich nach unserer Psychologie, weil nach unserer Psychologie das Wirklichste auch das Einfachste sein muß, und Aufmerksamkeit, Übung und Gedächtnis äußerst komplizierte Begriffe sind. Aber auch die einzelnen Akte der Aufmerksamkeit, der Übung und des Gedächtnisses können nicht das Wirkliche in unserer Seele sein, weil auch der minimalste Akt der Aufmerksamkeit nur Übung oder Vererbung und Gedächtnis, der minimalste Akt der Übung Gedächtnis (und bei bewußter Übung auch Aufmerksamkeit) voraussetzt, und der minimalste Akt des Gedächtnisses sich beinahe gar nicht von einem Akte der Aufmerksamkeit und von einem Akte der Übung oder der Vererbung unterscheiden läßt. Ich beneide jeden Psychologen, der in seinem Seelenleben so genau Bescheid zu wissen glaubt wie in seiner Wohnung und selbstsicher vorträgt, wie man aus der einen Stube in die andere Stube gelangt.

Die Schwierigkeiten wachsen noch, wenn wir beachten, daß das Denken im höheren Sinne an die Sprache gebunden ist, daß das Gedächtnis der Menschheit, wie es dem Individuum als ererbtes und erworbenes Wissen zur Verfügung steht, identisch ist mit der Individualsprache dieses Individuums. Wir sind voreilig bereit, das Gedächtnis als eine Abstraktion fallen zu lassen, die Einzelakte der Aufmerksamkeit und der Einübung als Handlungen, die ja ihrem Wesen nach nicht wirklich sind, der Physiologie zu überlassen, und in der Sprache oder vielmehr in der Bereitschaft zum Gebrauche unserer Begriffe oder Worte das einzig Wirkliche in unserem Seelenleben zu erblicken. Es ist eine Ansicht wie eine andere und auch sie ließe sich systematisch darstellen. Unsere Einsicht wäre aber keineswegs dadurch gefördert. Erklären wir das Gedächtnis durch die Sprache, so müssen wir nachher die Sprache wieder durch das Gedächtnis erklären. Zu einer unerhörten Entdeckung werden wir auf diesem Wege offenbar nicht gelangen; aber einige kleine Korrekturen der bisherigen Begrifisdefinitionen werden wir dennoch finden, wenn wir trotzdem Gedächtnis und Sprache miteinander vergleichen und zu diesem Zwecke zunächst aus den Begriffen, die sich um das Gedächtnis herum assoziieren, dasjenige auszuscheiden suchen, was ganz gewiß nicht Sprache ist.

Dahin gehört vor allem das alte abenteuerliche Gedächtnis selbst, wenn man es personifiziert als ein Seelenvermögen auffaßt. So sollte das Wort "Gedächtnis" nicht länger in der Sprache geduldet werden. Dieses Gedächtnis ist ebenso unwirklich wie — "die" Sprache. Diese Tätigkeit nun wieder ist gewiß nicht identisch mit einem einzelnen Akte des Gedächtnisses, weil beim Aussprechen eines Wortes Erinnerungen an Wahrnehmungen und Erinnerungen an lautliche Zeichen gemeinsam auftreten. Jeder einzelne Akt des Gedächtnisses oder jede einzelne Erinnerung ist also von dem einzelnen Sprechakte unterschieden. Erinnere ich mich z. B. an eine Palme, so steht das Wort Palme auf der Schwelle des Bewußtseins so unmittelbar bereit, daß ein Nichts das Wort mit der Erinnerung verbinden kann; es kann sogar die Einübung weit genug gehen, um die Erinnerung unlöslich vom Worte zu machen, aber wir haben dennoch die Gewißheit, daß es sprachfreie Erinnerungen gibt. Das Tier und manche Geisteskranke haben Erinnerungen ohne Worte. Die Einzelerinnerung ist also weniger als ihr lautliches Zeichen.


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