Geruchssprache unmöglich


Wenn der Hund den Begriff Mensch durch die Erinnerung des Geruchsinns gefunden hat, so ist die Begriffsbildung für das Denken des Hundes vollständig erklärt. Die Erinnerung haftet an einem Sinneseindruck, für welchen die Nervenbahnen des Hundegehirns ebensogut eingeübt werden können wie unsere Nervenbahnen für Gehöreindrücke. Aber unmöglich kann der Hund den Geruch des Menschen, der Katze, des Rebhuhns u. s. w. reproduzieren, er kann den Geruch dieser anderen nicht aus sich heraus erzeugen. Es ist also der Geruchsinn wohl im stände, Erinnerungsbilder festzuhalten, er ist nicht im stände, zu Mitteilungen benützt zu werden. Die Wichtigkeit dieser Bemerkung springt in die Augen. Derjenige Sinneseindruck, welcher das Gedächtnis befähigen kann, Vorstellungen nicht nur zu merken, sondern auch durch Nachahmung mitzuteilen, kann nur einem Sinne angehören, dessen Daten nachahmungsfähig sind. Gerüche können wir nicht nachahmen, nicht reproduzieren, nicht willkürlich hervorrufen. Um so eine ungeheuerliche Vorstellung ganz klar zu machen, bemerke ich, wie eine auf den Geruch begründete Sprache erfordern würde, daß ein mit der Geruchssprache ausgestattetes Tier nach Belieben die tausenderlei Gerüche und Gestänker der Wirklichkeitswelt mit irgendwelchen Organen hervorrufen müßte. Wir können uns ein so organisiertes Tier wohl in der Phantasie vorstellen, aber es ist eigentlich doch ein Unding, weil die Gerüche und Gestänker nur durch Erzeugung riechender und stinkender Stoffe hervorgebracht werden können. Oder sollen wir verwegen genug sein, eine sehr bekannte Erscheinung doch für den Versuch einer Geruchsprache zu halten? Ich meine die Spuren, die die Hunde an Ecksteinen u. s. w. abgeben und aufnehmen; "sie geben ihre Visitkarte" ab, sagen Hundefreunde. Daß es kein bewußtes Sprechen wäre, sondern eher eine Reflexhandlung, würde mich kaum stören. Auch nicht, daß sich da nur ein einziges Interesse zu äußern scheint. Keinesfalls wissen wir etwas über die Grammatik dieser Sprache.

Diejenigen Sinne, welche zugleich innere Gedächtniszeichen abgeben und zugleich ihre freiwillige Nachahmung oder Reproduktion ermöglichen, können einzig und allein das Gesicht und das Gehör sein. Denn Gesichts- und Gehörzeichen lassen sich durch bloße Bewegungen herstellen, und Bewegungen zu machen ist den Tieren wesentlich. Aus diesem Grunde also können sich die Tiere, wenn ihre Erinnerungszeichen an Geruchseindrücke geknüpft sind, ganz besonders nicht zu einer höheren Mitteilungssprache erheben. Es ist eine Frage, die nie beantwortet werden wird, inwieweit das verschiedenartige Bellen des Hundes symbolisch dem Geruchseindrucke des Hundes entspricht.


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