Gedächtnis aktiv


Ist aber das Gedächtnis, wie wir gleich sehen werden, nichts Ruhendes, ist es aktiv, ist es Tätigkeit, so ist die hörbare Sprache auch sofort die einzig mögliche Sprache, als welche ja selbst zuletzt Bewegung ist. Ist nämlich das Gedächtnis eine Tätigkeit, muß jede Erinnerung vom erinnernden Organismus erst jedesmal neu geschaffen werden, so konnten die Zeichen kaum anders als aus dem Gebiete des Gehörsinns entnommen sein. Gefühle sind überhaupt nicht reproduzierbar. Hunger und Durst lassen sich im Gedächtnis überhaupt nicht anders wiederholen, als eben durch die entsprechenden Worte, das heißt das Gedächtnis an Gefühle setzt bereits die Sprache voraus. Ich bemerke das nur der Vollständigkeit wegen, denn auch sonst wäre eine Reproduktion von solchen Gefühlen, selbst wenn sie ohne Sprache möglich wäre, ungeeignet zur Mitteilung. Nicht viel anders steht es jedoch um die Eindrücke der sogenannten niederen Sinne. Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen sind nicht unmittelbar, sondern erst durch die Sprache reproduzierbar und zu unmittelbaren Mitteilungen sind sie gar nicht geeignet. Tast- und Gesichtsempfindungen sind allerdings mitteilbar und darum können sie aushilfsweise die duch den Gehörsinn entstandene Sprache ersetzen. Aber sie sind nicht eigentlich reproduzierbar. Ihre Organe stellen einseitig nur ein Empfangsamt dar, kein Ausgabeamt, sie können z. B. Farben sehen, aber nicht auch in gesundem Zustande Farben schaffen. Nur auf dem Gebiete der Tonempfindungen besitzt der Mensch neben dem Empfangsapparat auch einen erzeugenden Apparat. Er kann sich jedes Tons erinnern, weil er jeden Ton bilden kann.  


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Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
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