Assoziationen durch Tastsinn


Warum bildeten nun Lauras Wortzeichen für Farben keine Assoziationszentren? Bildeten ihr doch ihre Wortzeichen für Menschen und Dinge, für Handlungen und Gefühle sehr lebhafte Assoziationszentren. Offenbar darum nicht, weil die Bekanntschaft Lauras mit der Wirklichkeitswelt (abgesehen von den sehr schlecht entwickelten Sinnen für Geschmack und Geruch) ausschließlich durch den Tastsinn vermittelt wurde und weil die Tastzeichen ihrer Worte nichts anderes sein konnten als die Zwischenstationen zwischen ihrem Denken und ihren unmittelbaren Tastwahrnehmungen, wie denn auch beim normalen Menschen die hörbaren, beim Büchermenschen die sichtbaren Wortzeichen aus praktischen Gründen als Zwischenstationen zwischen dem Denken und allen Sinneswahrnehmungen aufgefaßt werden könnten. Nur daß bei Laura die Übersetzung in die hörbaren oder sichtbaren Zeichen fehlte. Wenn sie nun Worte für menschliche Individuen, für Gegenstände des Hausrats u. s. w. gebrauchen lernte, so assoziierten sich die Tastzeichen für Worte mit den Tastzeichen für Menschen und Dinge. Tastzeichen für Worte aus dem Gebiete des Hörens konnten immer noch wirkliche Wahrnehmungen assoziieren, weil Laura ihren Tastsinn für die Vibrationen tönender Gegenstände oder der tönenden Luft in erstaunlicher Weise verfeinert hatte. Hatte sie jedoch Tastzeichen für Farbenworte erlernt, so war beim Lernen dieser Wortgattung eine Assoziation mit unmittelbaren Tastempfindungen ausgeschlossen und es konnten darum beim späteren Gebrauche dieser Worte auch keine Assoziationen vollzogen werden. Denn es gibt im Verstande auch keine Assoziation, die nicht vorher in den Sinnessphären angebahnt worden ist.

Uns aber ist dieses Schwatzen von Laura Bridgman nebenbei darum so lehrreich, weil es mit dem Schwatzen anderer Menschen, auch mit dem Schwatzen von Gelehrten und Schriftstellern eine auffallende Ähnlichkeit besitzt. Diderot hat in seinen beiden berühmten Briefen auf diesen sinnlosen Wortgebrauch boshaft genug schon aufmerksam gemacht. Noch epigrammatischer beschließt Voltaire sein kleines Geschichtchen "Les Aveugles juges des couleurs" mit der prächtigen Moral: "Un sourd, en lisant cette petite histoire, avoua que les aveugles avaient tort de juger des couleurs; mais il resta ferme dans l'opinion qu'il n'appartient qu'aux sourds de juger de la musique." Auch vollsinnige Menschen stehen nicht an, mit eitlem Vergnügen Worte in Sätzen zu verbinden, welche sie nur dem Klange nach sprechen gelernt haben, die sich jedoch mit keiner Wahrnehmung aus der Wirklichkeitswelt verbinden, weil keine Mitteilung der Sinne mit dem Erlernen dieser Klänge verknüpft worden ist. Und wie bei Laura Bridgman gibt es auch bei Vollsinnigen ganze Wortgruppen, besonders aus dem Gebiete der Moral und Theologie, der Philosophie und der Ästhetik, die sie zum bloßen Schwatzvergnügen eingeübt haben, weil der Schullehrer sie ihnen auf der Schule, dem Gymnasium oder der Universität beibrachte, bevor sie die Begriffe von Ursache und Wirkung entsprechend kritisch genug aufgenommen hatten. "Heiliges Heim ist von Ewigkeit zu Ewigkeit," sagte Laura. Auf allen diesen Gebieten war Laura eine recht gebildete Dame; für die Psychologie des Schwatzvergnügens ist es nebensächlich, ob der Tastsinn oder das Gehör die Assoziationszentren liefert, ob die Finger oder die Lippen sich beim Sprechen bewegen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 03.07.2005 
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