VI. Subjektivität


Jede Vorstellung ist allein die Wirkung der Außenwelt auf das Ich, also eine äußere Bewegung, die sich in ein Bild verwandelt hat; jede Vorstellung ist real.

Jede Vorstellung ist aber auch die Reaktion der Innenwelt auf äußere Anregung, also einzig und allein eine innere Bewegung, also ideal.

Da werden von einem Subjekt "Vorstellung" entgegengesetzte Dinge ausgesagt, und die Sprache hat nichts dagegen. Aufmerksame Beobachtung wird zwar ergeben, daß es gar nicht ein und dasselbe Subjekt ist; daß das eine Mal beim Worte Vorstellung unwillkürlich an die bewirkenden Außendinge gedacht wird, das andere Mal bei demselben Worte Vorstellung an die Gehirntätigkeit. Aber die Sprache ist voll von solchen feineren Zweideutigkeiten, und weil die Wirklichkeit ein Perpetuum mobile ist, so kann es eigentlich gar keinen Begriff geben, der nicht widersprechende Nuancen in sich enthielte. Und mit einer solchen Sprache kann man natürlich, alles beweisen, wie z. B. beim Begriffe Vorstellung, daß Außenwelt und ihr psychisches Korrelat in der Gehirnbewegung identisch seien.

Was von den Vorstellungen gilt, das gilt auch von ihren untersten Voraussetzungen, den Empfindungen. Subjektiv ist unser Weltbild von seiner untersten Stufe, wo wir die Empfindungen nur metaphorisch eine Sprache nennen können, bis hinauf zu den dünnsten Abstraktionen des Denkens.

Ich muß das Wort "subjektiv" gebrauchen, wie es die Sprache mir bietet. Die Sprache der Popularpsychologie. Denn einer ganz strengen philosophischen Sprache gehört das Wort nicht mehr an, oder noch nicht, und der Gemeinsprache gehört es eigentlich nicht an. Höchstens daß der Bildungsphilister und Fremdwörtersnob die Urteile (fast immer Werturteile aus dem Gebiete der Moral und der Ästhetik) subjektiv nennt, die aus einer Leidenschaft, aus einer Parteinahme geflossen, die darum nicht interesselos, nicht "objektiv" sind. Diesem verbreiteten Gebraucht nahe steht die Bedeutung von "subjektiv", wenn damit der begleitende Gefühlston jeder Erkenntnis, der Willensanteil an unseren Urteilen bezeichnet wird. Außerhalb der Welt der Werturteile. Abstrakter wird der Begriff, wenn er auf allen Bewußtseinsinhalt, auf unser gesamtes Innenleben ausgedehnt wird. Gegensatz: das einzig Objektive, das Ding-an-sich, von dem wir nichts wissen. Was wir etwa wissen, ist subjektiv. "Der Mensch ist das Maß aller Dinge." Der Mensch, die Menschenart. Streng konsequent wäre "subjektiv" nur, wenn nicht "der" Mensch, wenn das Individuum zum Maß aller Dinge gemacht würde. Der einzige, dessen Eigentum die Welt ist. (Dabei sehe ich von dem scholastischen Gebrauch: subjektiv = wirklich oder objektiv — ganz ab, trotzdem dieser Gebrauch z. B. im grammatischen Subjekt fortlebt.)


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