Relativität


Die "objektive", unpersönliche, stimmungsfreie Logik folgt hinter dem Denken drein, wie die Leichenöffnung hinter dem Leben. Der Mensch denkt, wie er will. Natürlich nicht freier, als sein Wille ist. Also nur wie er will, unfrei nach seinen Wünschen, nach seinem Temperament. Les grandes pensées viennent du coeur. (Vauvenargues.) Lassen wir die sentimentale Ausdrucksweise fort, so heißt das: Unsere Gedanken, namentlich die für uns wichtigen, die uns die großen erscheinen, stammen aus unserem Willen, aus unseren Stimmungen. Deshalb können einander die Anhänger verschiedener Weltanschauungen nicht überzeugen. Wer seinen Gott behält, tut es aus Bedürfnis; wer die Wahrheit sucht, tut es ebenso aus Bedürfnis. Schläge verdient nur der Heuchler.

Das alles liegt auf der Hand. Nun lehrt aber eine traurige Beobachtung, daß diese Subjektivität aller unserer Gedanken nicht etwa eine störende Beigabe, sondern daß die Subjektivität und Relativität allem unserem Denken wesentlich ist, wie vielleicht unser ganzes Denken nichts weiter ist, als der Umschaltungsapparat zwischen unserem subjektiven Empfinden und unseren subjektiven Handlungen; wobei dann die Sprache freilich nichts wäre als das Geräusch des Umschaltungsapparates.

Von der Geburt bis zum Tode hat jede Empfindung eines jeden unserer Sinnesorgane für uns ein persönliches Verhältnis zu unserem Wohlsein, zu Lust oder Unlust. Vor unserer Geburt hat das subjektive Interesse der Organismen die relativen Dinge-an-sich, die Weltvibrationen, geordnet, nicht nach unseren Sinnen, sondern zu unseren Sinnen. Subjektiv, relativ ist die Möglichkeit unserer sinnlichen Wahrnehmung, das Verhältnis zwischen unseren Zufallsinnen und der Welt, eine Relation. Unser Gedächtnis trifft dann die weitere Auslese und füllt den Speicher der latenten Vorstellungen mit dem, was ihm subjektiv wichtig scheint. So bleibt das Denken subjektiv, von den einfachsten Sinnesreizen angefangen bis zu den kompliziertesten Begriffen, bis hinauf zu Raum, Zeit und Kausalität. Unser Kopf ist der subjektive Kreuzungspunkt der Koordinaten des Raums. Unser Herzschlag ist die Wehr der Zeit, die subjektive Schleuse, bis zu welcher die Zukunft langsam und unaufhaltsam heran-fließt, um hinter ihr jählings hinunter zu stürzen. Und auch unsere Vorstellungen von Grund und Folge, von der Kausalität alles Geschehens, sind und bleiben subjektiv. Nicht nur der grobe Verstand denkt so, als ob die Welt um des Menschen willen geschaffen sei, d. h. natürlich für jeden einzelnen um seines Ich willen, sondern auch dem schärferen Verstand wird es schwer, sich von der Relativität aller gegenseitigen Wirkungen zu überzeugen. Die menschliche Sprache, welche vom gemeinsten Egoismus des Ich oder des Stamms erfunden ist, hindert zumeist, die Relativität aller Wirkung zu durchschauen. Sie beachtet die Dinge nach dem Erhal tungstrieb des Ich.

Da kommt z. B. irgend eine Frucht mit dem Magensaft zusammen. Es ist vollkommen relativ, ob man sich da Magensaft oder Frucht aktiv denkt. Beide Stoffe wirken aufeinander und es ist ihnen ganz gleichgültig, was die Chemie aus ihnen machen wird, fast so gleichgültig, wie Liebesleuten ihr künftiges Kind ist. Für den Menschen aber ist der Magensaft ein Teil seines Ich, die Frucht das Fremde, das er sich einverleiben will. Und so heißt dann die Frucht subjektiv, d. h. relativ: nahrhaft, unverdaulich oder giftig. So wird der Cholerabazillus, je nachdem er im Blute eines menschlichen Individuums umkommt oder sich entwickelt, je nachdem also der Mensch gesund bleibt oder krank wird — so wird der Cholerabazillus seinerseits das Blut krank oder gesund nennen. vorausgesetzt, daß der Kommabazillus existiert und reden kann. (Zu nicht geringer Freude finde ich die gleiche Relativität des Begriffs "Giftigkeit" bei Montaigne (II. 12.); er erzählt nach Plinius von einer Art indischer Fische, die giftig seien für den Menschen, während der Mensch wieder für sie so giftig sei, daß seine bloße Berührung sie töte. "Qui sera veritablement poison, ou l'homme, ou le poisson? à qui en croirons nous, ou au poisson, de l'homme, ou à l'homme, du poisson?" Schade daß Montaigne Lessings Wort "für den Menschen" nicht kannte.)

So relativ sind ganz deutlich alle Bewegungen. Auf dein Flußschiffe glaubt der Mensch, die Ufer bewegten sich in entgegengesetzter Eichtung an ihm vorüber; viel scheinbarer wird diese Bewegung, wenn man sich auf einem großen Floß mit den Wellen treiben läßt. Hätte die Flintenkugel Intelligenz, sie müßte sich ruhend wähnen und die Welt an sich vorüberfliegend sehen. Hätte der Kreisel Intelligenz, er stände still und würde wissen, daß die Erde mit den Bäumen und mit den Wolken, mit der Sonne und mit dem ganzen Weltali sich mehrere Male in jeder Sekunde um den Kreisel herumdreht. Es wäre das der kreiselgemäße, tropozentrische Standpunkt. Auf diesem steht die menschliche Sprache.

Eigentlich haben, seitdem es Versuche einer Welterklärung gibt, alle Denker die Relativität der menschlichen Welterkenntnis gelehrt, lachend oder traurig, priesterlich oder höhnisch gelehrt. Es ist ein Irrtum, diese Lehre bloß für die Skeptiker in Anspruch zu nehmen. Deren Behauptung tôn pros ti einai tên alêtheian steht freilich lapidarisch da. Aber alle, alle haben so gedacht: daß das Gegenteil des Relativen, das Absolute, unerkennbar sei (Spencer: unknowable), im Grunde eine negative Idee (Hamilton). Nur daß jeder Systematiker von den Lasten des Relativismus gern ein kleines, wertvolles, unveräußerliches Fideikommiß ausschloß, sein persönlich subjektives Absolute, wie Kant seine aprioristischen Ideen. Nur den alten und neuen Hegelschülern war es vorbehalten, so monströse Sätze zu bilden wie: "Was wahr ist, ist absolut, ist an sich wahr." Ein Unzünftiger, der weise Goethe, hat für immer darauf geantwortet: "Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiße ich's Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige."

 

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