Tönung des Wissens


Die Philosophen tun sich nicht wenig darauf zu gute, daß sie die Wahrheit ohne Nebenmotive suchen, daß ihre Einsicht von keiner Nebenabsicht, von keinem Interesse geleitet werde; und Schopenhauer hat gar dem willenlosen Intellekt nicht nur die Welt der Vorstellung, sondern auch besonders das Reich der Kunst zugewiesen. Nun ist es ja gewiß richtig, daß der Forscher nicht weiter kommt, wenn er bei seinen Bemühungen nebenher nach einer seiner drei großen Absichten der Verdauung, der Artvermehrung und der Eitelkeit schielt. Also es gibt wirklich einen sonst mächtigen Willen, der schweigen muß, wenn wir was wissen wollen. Aber wissen wollen wir eben auch. Das Wollen des Wissens ist auch ein Wollen; und der Forscher will nicht überhaupt etwas wissen, wie junge Leute glauben; er will etwas Bestimmtes wissen, er will wissentlich wissen, was er zu wissen glaubt. Jedes Wort erhält unwillkürlich eine Tönung durch sein Wollen.

Dies dürfte selbst für die dunklen Abgründe der ursprünglichen Wahrnehmungen richtig sein, die wir unseren Zufallssinnen verdanken. In unendlicher Abtönung gehen in der Welt die unzähligen möglichen Farben der Palette ineinander über, in unendlicher Abtönung gibt es in einer Oktave unzählige mögliche Töne. Wir aber sehen und benennen nur sieben Grundfarben, wir hören und benennen nur sieben Grundtöne, und wie wir im Naturreich trotz der unendlichen Mannigfaltigkeit der Varietäten auch nach Darwin Arten benennen gemäß unserer Bequemlichkeit und sonstigem Nutzen so entsprechen die sieben Wahrnehmungsfarben ohne Zweifel der Bequemlichkeit, also dem Nutzen, also dem Willen, dem Urzeitwillen unserer Sinnesorgane. Wer weiß, was für Farben die Fliege sieht.

Ist so schon bei der unmittelbaren Wahrnehmung (und wie erst bei der Wahl des Gesichtsfeldes und Gesichtswinkels!) unser Wollen färbend und tönend beteiligt, um wie viel mehr beim Denken, d. h. beim inneren Auftauchen der Worte oder Erinnerungsbilder. Sonst wäre auch das Denken keine Anstrengung. Willenloses Denken ist Traum. Die Psychologie hat fast keinen ihrer Teile so oft und so eingehend behandelt, wie die Assoziation der Gedanken; und doch hat sie dabei den Einfluß des unbewußten Willens fast immer vernachlässigt.

Die Gedanken oder Worte, die aus dem Vorrat auftauchen, entsprechen immer unserer Bequemlichkeit oder unseren Zwecken. Und wenn ich in diesem Augenblicke den Einfluß des Willens auf das Denken beweisen will, so fallen mir schneller die Gründe als die Gegengründe ein.

 

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