Stimmung


"Stimmung" ist ein vieldeutiges Wort. Zwischen der Stimmung einer Stimmgabel, die sich mathematisch auf 870 Schwingungen in der Sekunde für das eingestrichene a angeben läßt, und zwischen der sogenannten Stimmung einer Landschaft, die sich weder beschreiben noch erklären läßt, liegen zahlreiche Schattierungen des Begriffs. Seine Herkunft ist ebenso deutlich, wie die des zu Grunde liegenden "Stimme" undeutlich ist. Es kommt von der Musik her. Früher, mehr intransitiv, "stimmten" die Saiten, wenn sie den richtigen Klang gaben. (Heute noch: "das stimmt".) Später stimmte man, transitiv, die Saiten auf den richtigen Klang. Dann spielte man, metaphorisch, auf der Seele; man stimmte sie lustig, traurig u. s. w. Jedes Gemeingefühl der "Seele" wurde zu einer Stimmung.

Da für uns die Seele aber nichts weiter geworden ist oder noch werden wird, als die Summe unserer bewußten und unbewußten Gedächtnisse, so kann "Stimmung" für uns nichts bedeuten als den Zustand, in welchem unsere Gedächtnisse ausgezeichnet, gut oder schlecht erregbar sind. Achten wir genauer darauf, was wir meinen, wenn wir von unserer guten oder schlechten Stimmung sprechen, so werden wir sehen, daß wir bald den höheren oder tieferen Grad unserer allgemeinen Vergnügtheit meinen, was man eben sonst das Gemeingefühl genannt hat, bald den höheren oder tieferen Grad unserer geistigen Leistungsfähigkeit. Diese beiden Bedeutungen entsprechen aber merkwürdig genau dem Unterschiede zwischen unseren unbewußten und unseren bewußten Gedächtnissen. Und bei einiger Aufmerksamkeit werden wir dazu noch begreifen, daß die gute Stimmung in beiden Fällen identisch sei mit einem glatten Verlauf der Gedächtnisse, schlechte Stimmung aber mit einer Hemmung der Gedächtnisse, wie denn der Wahnsinnige oder Gedächtniskranke nur um seiner schlechten Stimmung willen zu bedauern ist. Wo das kranke Gedächtnis falsch, aber glatt arbeitet, da ist der Wahnsinnige vergnügt.

Wenn es sich um Arbeitsstimmung (nicht zu verwechseln mit Arbeitsleistung) handelt, ist diese Wahrheit leicht einzusehen und bedarf weniger eines Beweises als einer besseren schulgerechteren Definition. Ich bin sogar geneigt, anzunehmen , daß eine jede Vorstellung schon mit einer noch so leisen Stimmung verbunden sei, daß diese in den meisten Fällen gar nicht wahrnehmbare Stimmung, dieses Begleitgefühl, unser Interesse an jeder Vorstellung ausmache, und daß so unser Interesse oder unser Wille unter dem Namen der Stimmung unser ganzes Leben beherrsche, sowohl unser tierisches Leben wie das sogenannte geistige. Wie dem aber auch sei, wir meinen unter unserer Arbeitsstimmung jedenfalls eigentlich nur die Raschheit, mit der uns die nötigen Begriffe oder Worte zufließen. Der Gegensatz bestätigt diese Annahme. Die Schwierigkeiten bei der Lösung einer Aufgabe, d. h. die Langsamkeit ihrer Lösung, versetzen uns in schlechte Stimmung, wenn die schlechte Stimmung nicht schon der Grund war. Unlösbarkeit einer Aufgabe d. h. der größte Grad der Langsamkeit, kann uns traurig, verzweifelt, wahnsinnig machen. Es ist bekannt, daß ein mäßiger Alkoholgenuß eine heitere Stimmung und zugleich eine lebhaftere (nicht eine richtigere, aber darauf kommt es der Heiterkeit nicht an), eine raschere Geistesarbeit zur Folge habe; zugleich, weil eines nur ein anderes Wort für das andere ist. Es ist sogar beobachtet worden, daß Melancholiker bei leichteren Fieberanfällen heiterer wurden. Gute Stimmung ist gute Gedankenklarheit, Heiterkeit ist Klarheit, wie am Himmel.

Gute Arbeitsstimmung ist also eine leichtere Erregbarkeit unseres Gedächtnisses, und da dieses nichts ist als unser Sprachschatz, so können wir diese Stimmung als die bessere oder schlechtere Bereitschaft unseres Sprachschatzes erklären. Wer ein Gespräch am raschesten mobil zu machen weiß, gilt für einen Mann von bester Stimmung.

Um zu erfahren, daß auch die andere Stimmung, d. h. der Grad unserer Vergnügtheit etwas Ähnliches sei, wollen wir als Übergang die mechanische Arbeitsstimmung ansehen. Auch die Sängerin, auch der Klavierspieler, auch der Glasschleifer, auch der abgerichtete Pudel sind nicht immer gleicher Stimmung. Vieles gelingt in guter Stimmung, was in schlechter mißlingt. Wie nennen wir das? Wir müssen sagen, daß das eine Mal die Nervenbahnen der Gedächtnisse oder die Gedächtnisbahnen glatt durchfahren werden, das andere Mal mit Hemmungen. Die Sängerin, der Glasschleifer, der abgerichtete Pudel sind in guter Arbeitsstimmung, wenn ihr wortloser Gedächtnisschatz in guter Bereitschaft ist, wenn der ganze ungeheuer komplizierte Apparat (die Feinheiten in den Fingern des Glasschleifers sind nicht geringer als im Kehlkopf der Sängerin) unbewußt oder doch regelmäßig, d. h. nach der geübten Weise, arbeitet.

Nun kann man, ohne den Worten irgendwelche Gewalt anzutun, sagen, daß unsere allgemeine Stimmung, unser Gemeingefühl davon abhängt, ob die physiologischen Arbeiten unseres Körpers (besonders Verdauung und Atmung samt dem Blutkreislauf) glatt und ohne Störung verlaufen, ob also die Gedächtnisse der sympathischen Nervenbahnen, ob unsere physiologischen Gedächtnisse in tadelloser Bereitschaft sind. Wir sind vergnügt, in guter Stimmung, wenn das alles ganz unbewußt funktioniert, wenn keine Hemmung diese physiologischen Vorgänge zum Bewußtsein bringt.

Wem also an hübschen, zusammenfassenden Definitionen etwas gelegen ist, der darf sagen: Unsere (körperliche oder geistige) Stimmung ist der Grad der Bereitschaft unserer (unbewußten oder bewußten) Gedächtnisse. Die allgemeine körperliche Stimmung verläuft darum, solange sie gut ist, wortlos und greift erst in bösen Stunden — oder aber in der schmerzlichen Wollust, wie in deren Heuchelei — zum Wort oder doch zur Interjektion, als zu den Zeichen der Gedächtnishemmung oder des Schmerzes oder des Bewußtseins. Die geistige Arbeitsstimmung ist der Grad der Bereitschaft des Wortschatzes und kann oft durch Talent oder Fleiß, durch Alkohol oder durch fixe Ideen vorübergehend gehoben werden.

 

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