Heliotropismus


Nun einstweilen zurück zu den Experimenten Verworns. Es ist uns klar geworden, daß seine Frage (ob die Protisten auf akustische Reize reagieren oder nicht?) ganz unmöglich gestellt war. Es könnte höchstens gefragt werden, ob ein Protist irgendwelche organische Bewegungen ausführe in wahrscheinlicher Folge von Einwirkung solcher Vibrationen, wie wir Menschen sie als akustische empfinden. Wir werden gleich sehen, daß diese sprachliche Unterscheidung notwendig ist, wenn die sachliche Unterscheidung zwischen Tastsinn und Gehörsinn nicht fälschlich vom Menschen auf die Protisten übertragen werden soll.

Es tritt nämlich eine ähnliche Schwierigkeit auf, sobald die Frage gestellt wird, ob die Protisten auf Lichteindrücke reagieren? Verworn hat darüber zahlreiche ältere Beobachtungen mitgeteilt und selbst sehr interessante Versuche angestellt. In seiner Terminologie ausgedrückt, gibt es da allgemein einen Thermotropismus, d. h. die Erscheinung, daß die Protisten sich in der Richtung nach der Wärme hin bewegen, gibt es aber auch bei manchen Protisten Heliotropismus, d. h. die Erscheinung, daß die heliotropischen Urtierchen sich in der Richtung des Lichtes hin bewegen. Heliotropismus wird gelegentlich auch durch den Ausdruck Phototaxis ausgedrückt. Der interessanteste Fall ist der des Bacterium photometricum, welches nur auf ultrarote Strahlen und dann noch auf die Strahlen zwischen den Fraunhoferschen Linien C und D (in der Gegend zwischen rot und gelb) reagieren soll. Gewiß eine feine Differenzierung, wie sie nicht einmal das menschliche Auge erreicht hat. Wo aber nehmen wir das Recht her, alle diese Menschenbegriffe auf die Protisten anzuwenden? Ich weiß, daß der Ausdruck Heliotropismus der Botanik entnommen ist, daß es heliotropische Pflanzen gibt, d. h. daß alle Pflanzen mehr oder weniger auffallend heliotropisch sind. Daß es ein märchenhaft schöner Anblick wäre, wenn wir schnell genug (die Bewegung dauert viele Stunden, ist uns zu langsam) beobachten könnten, wie ein ganzes großes Feld von Sonnenblumen oder Enzianen das Antlitz jeder Blüte mit dem Lauf der Sonne dreht. Das wäre Heliotropismus für die Marktbude. Ist das aber nicht eine recht brutale Ausdrucksweise für Vorgänge, die wir bei Pflanzen und bei Protisten beinahe besser beschreiben können als beim Menschen? Heliotropisch ist in seinem Bewußtsein der Mensch. der im Winter die Sonnenseite der Straße aufsucht oder nach der Riviera fährt. Er sucht die Sonne. Wenn aber die Sonnenblume sich gegen die Sonne wendet, wenn das Bacterium chlorinum im Wassertropfen in sehr kurzer Zeit auf ein beleuchtetes Teilstreckchen zuströmt, "als fiele es in eine Falle", so ist die Bezeichnung Heliotropismus doch offenbar zu weit. Von der Sonne weiß weder die Sonnenblume etwas noch das Bacterium chlorinum. Weder von dem Worte "Sonne", noch von dem Symbol "Sonne", noch von dem Fixstern. Sonne. Aber das Individuum Sonne ist auch nicht die Ursache der Bewegung, sondern die Ursache ist eine von den Wirkungen, welche von der Sonne kommen. Welche dieser Wirkungen kommt in Betracht? Ist die Bewegung Heliotropismus? Oder ist sie Thermotropismus? Oder Galvanotropismus ? Unsere Physik unterscheidet ja Wärmestrahlen und Lichtstrahlen und müßte vielleicht elektrische, Strahlen als deren höhere Art annehmen. Die Versuche am Bacterium photometricum könnten ja die Hoffnung erwecken, Reaktionen auf Wärmestrahlen und auf Lichtstrahlen getrennt zu beobachten. Aber selbst in diesem klassischen Falle sagen uns die Versuche nichts, gar nichts über das Seelenleben der Protisten. Gar nichts über die ersten Anfänge unserer Zufallssinne. Fast so wenig, als ob wir's wirklich mit einem strukturlosen Protoplasma zu tun hätten. Und wenn wir diese Experimente dennoch hypothetisch zur Erklärung des menschlichen Sinnenlebens heranziehen, so ist das der gleiche Vorgang der Hypothesenentstehung, wie er auch sonst so häufig ist und doch niemals zugegeben wird. Wir beobachten am Protist irgend eine Bewegung; der nächste geistige Vorgang in uns ist der falsche Schluß: also ist das Seelenleben des Protists dem des Menschen ähnlich. Es bewegt sich, als ob es Füße hätte: also bewegt es seine Scheinfüße ähnlich, wie der Mensch seine Beine bewegt. Ein kindischer Schluß. Der Schluß aus sichtbaren Bewegungen auf psychische Begleiterscheinungen wird immer vager, je unverständlicher uns die Sprache des Organismus ist, der sich bewegt. Ein Beispiel: Mein deutscher Landsmann streckt die Hand aus und sagt dazu "mich hungert"; der Italiener streckt die Hand aus und macht dazu eine übersetzbare Geste; der Schwarze mimt mir vor, daß er esse, und wimmert dazu; der Hund läßt mich durch unruhiges Springen und Schnappen vermuten, daß er Hunger habe; der Fisch zeigt nur noch Eile, die Raupe eilt nicht einmal; die Amöbe hat Bewegungen, die nicht einmal bestimmt auf Aktivität hindeuten. Und trotzdem verzichten wir nicht auf solche Hypothesenbildung. Der aufmerksame Forscher denkt aber noch weiter. Mein Schluß war falsch, sagt er sich, aber er hat meine Phantasie auf die richtige Bahn gebracht. Ganz anders als beim Menschen ist das Seelenleben des Protists, ganz anders als der Mensch bewegt es seine Füße, nur an den Anfang der Entwicklung können wir die Füße des Protists, können wir das Seelenleben der Protisten setzen. Und wenn auch diese Entwicklungslehre im einzelnen überall so falsch sein sollte wie der erste Schluß vom Menschen auf das Protist, so mag doch die gesamte Gedankenrichtung nützlich sein. Der falsche Schluß hat im Verlaufe zu einer Hypothese geführt, die an sich nicht richtig ist, die aber als Phantasiebeispiel zu einer künftigen besseren Hypothese wertvoll ist. So scheint es mir mit allem Darwinismus zu stehen, so mit den psychologischen Protistenstudien. Die grotesken Vorstellungen der biblischen Schöpfungsgeschichte hätten im Abendlande des Dogmas und der Inquisition nicht überwunden werden können ohne den neuen Glauben: es hätte auch anders sein können. Und den Reformatoren hätte gegenüber dem Dogma und der Inquisition die Märtyrerkraft gefehlt, wenn sie so skeptisch klar gewesen wären wie wir, wenn sie sich einer Hypothese bewußt gewesen wären, wenn sie nicht den neuen Glauben gehabt hätten: es war anders.

Verworn neigt der Ansicht zu, daß Reaktionen auf Lichtreize bei den Protisten vielleicht gar nicht vorkommen, bei gewissen Bakterien, Rhizopoden und Ciliaten ganz gewiß nicht vorkommen, daß Reaktionen auf Wärmereize aber sehr gut nachweisbar sind. In einem bestimmten Versuche mit Amöben wurden einmal die Wärmestrahlen dadurch ausgeschaltet, daß eine Eisschicht zwischen die Lichtquelle und den Objekttisch gebracht wurde; das andere Mal wurden die leuchtenden Strahlen ausgeschaltet, indem man an die Stelle der Eisschicht eine Lösung von Jod in Schwefelkohlenstoff brachte, die in einer gewissen Konzentration nur gerade die stärksten Wärmestrahlen, aber gar keine Lichtstrahlen hindurchläßt; sieht man bei diesem Versuche von feineren Fehlermöglichkeiten ab (von der Möglichkeit z. B" daß Amöben anders organisiert sind als Menschen), so weist er allerdings darauf hin, daß in diesem Falle nur die Wärme, nicht aber das Licht auf die Amöben wirke. Was heißt das? Wie wenn hier derselbe Vorgang stattfände, den ein berühmter Beobachter am Bacterium chlorinum gesehen haben will: daß nämlich durch Anwesenheit von Lichtstrahlen die Bakterien Sauerstoff erzeugen und dieser ihr Sauerstoff die Ursache des Heliotropismus sei? Dann liegt ja — ich kann auch ein neues Wort bilden — Oxygenotropismus vor. Dann handelt es sich rein um chemische Vorgänge, auf welche die Amöbe reagiert, und die Frage, ob diese chemischen Vorgänge durch Wärme mit oder ohne Beisein von Licht erzeugt werden, gehört in die Physik, hat mit der Psychologie nichts zu tun. Es reagiert dann die Amöbe auf den chemischen Vorgang ohne jede Beziehung auf Licht und Wärme, wie der ganz ungebildete Kroat in einem österreichischen Regimente auf das Kommando "Habt acht" reagiert, ohne deutsch zu verstehen, wie die Sonnenblume sich um die Mittagsstunde nach Süden gedreht hat, ohne doch von der Sonne etwas zu wissen, während der Mensch, der nach der Riviera gefahren ist, allerdings mehr oder weniger Begriffe mit dem Worte Sonne verbindet. Man wird gleich sehen, wie ernsthaft diese Vermischung von sprachlichen und sachlichen Bildern gemeint ist.



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 02.07.2005