Entwicklung der Sinne


Verworn äußert gelegentlich (S. 58) auf Grund seiner Versuche die Vermutung, Lichtreizbarkeit sei keine allgemeine Eigenschaft alles Protoplasmas, sei also nicht ursprünglich, sondern erst in der Entwicklungsreihe der Organismen erworben. Von einem Manne, der die Protisten auf den Haufen einer einzigen Klasse wirft und sie zu den Urwesen macht, scheint eine solche Ansicht etwas verwunderlich; wir aber brauchen gar nicht anzustehen, weil wir doch die Ungeheuern Differenzen zwischen den einzelnen Protisten hervorgehoben haben, ungezählte Hunderttausende von Jahren zwischen gewiß lichtunempfindliche und vielleicht lichtempfindliche Protisten zu setzen, die Lichtempfindlichkeit als einen Fortschritt anzusehen. Worin aber bestünde diese Entwicklung? Doch offenbar ungefähr darin, daß irgend ein Organ einen bestimmten Ausschnitt aus der Wärmeskala feiner klassifizieren lernte, ebenso wie wir früher gesehen haben, daß ein Organ die regelmäßigen Stöße der mechanischen Vibrationen in dem kleinen Ausschnitt von sechzehn bis sechzehntausend Schwingungen als Töne feiner klassifizieren gelernt hat. Wir können uns das recht gut so vorstellen wie die historische Tatsache, daß die Menschheit zuerst gar nicht zählen konnte, dann das elementare Zählen lernte, und vor etwa zweihundert Jahren den Kalkül der Differentialrechnung hinzu erfand. Wirklich genau ebenso. Denn der Gehörsinn, der Gesichtssinn hat Zahlen zu bewältigen, große Zahlen, ohne Rechnen, im Tauschhandel.

Ich mache gleich hier darauf aufmerksam, daß es die Entwicklungsgeschichte unserer Sinne vereinfachen würde, wenn der Gesichtssinn ebenso ein spezialisierter Ausschnitt aus dem Wärmesinn wäre, wie der Gehörsinn ein spezialisierter Ausschnitt aus dem Tastsinn. Denn das Organ des Tastsinns ist ja zugleich, so verschieden die Funktionen sind, das Organ des Wärme- oder Temperatursinns. Man hat auch schon vorgeschlagen (wie erwähnt), den Tastsinn und den Temperatursinn unter dem Namen "Hautsinn" zusammenzufassen. Wir könnten dann, da ja Geruch und Geschmack chemische Berührung voraussetzen, alle Sinne auf den Tastsinn oder Gefühlssinn zurückführen oder vielmehr, da man bei den Protisten noch, nicht einmal von einem differenzierten Tastsinn sprechen darf, auf ein noch unter dem Tastsinn stehendes Reaktionsvermögen gegen äußere Einflüsse.

Wir sehen ein, daß ein Protist Wärme und Licht nicht so unterscheiden kann, wie wir es mit unseren Sinnesorganen tun. Beim Protist sind weder die Organe, noch die spezifischen Sinnesenergien ausgebildet. Man mache sich das klar. Wenn ein Stück Eisen erwärmt wird, von der gewöhnlichen Lufttemperatur bis zur Weißglühhitze, so nehmen wir Menschen zuerst nur eine Wärmesteigerung ohne Lichtempfindung wahr, sodann eine Lichtempfindung, welche allmählich von rot zu weiß übergeht. Es gibt sicherlich Tiere, deren Sinnesorgane so beschaffen sind, daß sie an dem erwärmten Eisenstücke wohl die disparaten Wirkungen von Wärme und Licht unterscheiden können, nicht aber die Gradunterschiede des Lichts zwischen rot und weiß. Von den Protisten aber nehmen wir an, daß sie auch die Unterschiede zwischen Wärme und Licht nicht als disparat empfinden, sondern höchstens als Gradunterschiede eines und desselben Vorgangs.

Wir wollen es versuchen, unseren steilen Zickzackweg nach rückwärts zu überblicken. Wir wußten, daß die menschlichen Sinne dergestalt Zufallssinne sind, daß sie nicht ein Bild der Wirklichkeitswelt, sondern nur Fragmente bieten können. Wir machten bei der näheren Betrachtung der menschlichen Sinnesorgane weiter die Bemerkung, daß diese Zufälligkeit, diese zufällige Beschränktheit sich ferner bis auf das Gebiet jedes einzelnen Sinnes erstreckt, daß jedes einzelne Sinnesorgan von der Provinz, die es zu beherrschen vorgibt, nur den kleinsten Teil überhaupt kennt. Wir hofften über diese zufällige Entstehung unserer Sinne Aufschluß zu erhalten durch die Ergebnisse derjenigen Studien, welche sich mit dem sogenannten Seelenleben der Protisten befassen; wir hofften, aus der Entwicklungsgeschichte Belehrung zu empfangen über den Wert unserer gegenwärtigen Sinnesorgane. Über ihren Wert als Erkenntniswerkzeuge. Es ist uns dabei gegangen, wie es uns bei dem Nachdenken über den Ursprung der Sprache ergangen ist. Zwischen der gegenwärtigen Sprache, das heißt der historischen Entwicklung der jüngsten Zeit von ein paar tausend Jahren, und dem hypothetischen Ursprung liegt eine unüberbrückbare Kluft. Dennoch bietet die Hypothese über den unendlich weit zurückliegenden Ursprung der Sprache interessante Parallelen zu dem alltäglichen Sprachleben unserer Zeit. Und der ewige Zufall sorgt dafür, daß diese Analyse, welche sich mit der Entwicklung der Sinnesorgane beschäftigen möchte, die äußerste Hypothese zum Ursprung der Sprache und zur Sprachphilosophie bieten wird.


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