Interesse


Es war weniger ein Bild als ein Beispiel, wenn wir die Amöbe in dem nie auszudenkenden Chaos der Vibrationskreuzungen im Weltall verglichen haben mit einem aufmerksamen Zuhörer im Konzertsaal. Der aufmerksame Zuhörer wird außer der Musik gewöhnlich nichts wahrnehmen, nicht das Licht des Kronleuchters, nicht die Tastempfindungen seines Gesäßes, nicht die Luftbewegungen im Saale, nicht den leisen Geruch oder Gestank vom Nachbarplatze her. Sowie aber Licht-, Tast- oder Geruchsempfindungen stark genug geworden sind, um seine Aufmerksamkeit an sich zu reißen, werden sie auch wahrgenommen werden. Und wir nennen dann diesen Zuhörer unaufmerksam, weil wir — wohl zu beachten — mit Rücksicht auf den Schauplatz dieser Handlung, den Konzertsaal, den Begriff Aufmerksamkeit vorübergehend an die Musik oder den Gehörsinn knüpfen. Da diesem Begriffe eine besondere Untersuchung gewidmet werden soll, so sei hier nur beiläufig bemerkt, daß die Sprache unter Aufmerksamkeit zwei ganz verschiedene Dinge begreift: bald nämlich das Interesse, bald die unmittelbarste Wirkung des Interesses. Hier genüge die hoffentlich schlagende Erinnerung, daß z. B. bei der Einweihung eines neuen Konzertsaals wohl ein großer Teil der Eingeladenen Interesse oder Aufmerksamkeit der Musik zuwenden wird, einige Techniker aber Interesse oder Aufmerksamkeit so ausschließlich den Temperatur Verhältnissen oder der Beleuchtung des Saals zuwenden werden. daß sie die Musik buchstäblich nicht hören. Das Interesse oder die Aufmerksamkeit trifft also die Auswahl aus dem Chaos von Molekularschwingungen in dem Chaos des Saalinnern.

Wie nun aber trifft die Amöbe, die noch gar keine differenzierten Sinne und gar keine spezifischen Sinnesenergien besitzt, ihre Auswahl aus dem Chaos der Weltschwingungen, gegen welche das Saalinnere sich verliert, nicht wie ein Tropfen im Ozean, sondern wie ein Atom im Unendlichen ? Wie haben wir uns das Interesse oder die Aufmerksamkeit eines Organismus vorzustellen? Wie haben wir uns die Uraufmerksamkeit vorzustellen, die dann im Laufe der Jahrmillionen zum künstlerischen Interesse an der Neunten sich entwickelt hat? Ist es wirklich vorstellbar, daß ein und dasselbe Motiv, das gemeine Interesse, welches mich heute mit gespanntester Aufmerksamkeit und mit Wollust einem Satze Beethovens lauschen und mich einen Satz von Chopin unaufmerksam ablehnen läßt, — ist es vorstellbar, daß dieses selbe Motiv in irgend einer Urzeit der Entwicklung die Auswahl getroffen habe im Chaos der Schwingungen, sich die Welt wie eine angenehme Melodie in den Fetzen der Zufallssinne, und für jeden dieser Sinne wieder nur in einem Fetzen für die Erinnerung aufbewahrt habe?

Die Frage ist wirklich schwer anzufassen, weil wir bei der uns vorschwebenden Amöbe wohl gewiß irgend einen Egoismus voraussetzen, ihr aber nicht mit irgend welchem Rechte den komplizierten Bewußtseinsvorgang des menschlichen Interesses unterschieben dürfen. Versuchen wir es dennoch, das Motiv des Interesses außerhalb der Kompliziertheit wiederzufinden, die es im menschlichen Denken angenommen hat. Da ist zunächst das menschliche Interesse an das Bewußtsein des Ichs, an das Bewußtsein der Individualität geknüpft. Wir lassen uns aber von der tausend Jahre alten Scholastik über das Principium individuationis nicht täuschen; wir werden erfahren, daß der Ichvorstellung nichts anderes zu Grunde liegt als die Tatsache des Gedächtnisses, und jede Beobachtung überzeugt uns davon, daß auch der niedrigste Organismus, wenn nicht gar auch der anorganische Stoff (soweit er zur Zeit seiner Kristallisation oder einer chemischen Verbindung lebendig ist) Gedächtnis besitzt.

Ich sagte eben "Bewußtsein des Ich". Natürlich war das ein sinnloser Pleonasmus. Auch das sogenannte Bewußtsein ist nichts anderes als das Gedächtnis, welches, wie ein Faden die Perlen zu einem Perlenbande, so die Erlebnisse erst zu einem Erleben aufreiht. Wenn zum Interesse nur Gedächtnis gehört, so können wir Interesse bei der Amöbe voraussetzen. Täten wir doch besser, auch beim Menschen immer nur von Gedächtnis zu reden, anstatt von Bewußtsein und Individualität.


 © textlog.de 2004 • 15.12.2017 13:06:26 •
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