Wärmesinn


Einen besonderen Wärmesinn nimmt weder unsere Umgangssprache, noch die ältere Psychologie an; man begnügt sich damit, mit kindlicher, ja fast tierischer Vergleichung von Unvergleichlichem dem Tastsinn nebenbei noch die Aufgaben des Wärmesinns zuzuweisen. Die Aufstellung eines besonderen Temperatursinns hat eigentlich erst Hering verlangt. Und noch später, noch jetzt, möchte man Tast- und Temperaturempfindungen, (die doch verschiedener sind als Geruch und Geschmack, die so verschieden sind wie Ton und Farbe) einem gemeinsamen Sensorium, dem brutalen "Hautsinn" überweisen, — weil Anatomie und Histologie vom Wärmesinn nichts weiß. Der Umgangssprache ist so etwas zu verzeihen. Der nächste Grund für ihre Unsicherheit mag darin liegen, daß dieselben sehr empfindlichen Hautstellen, wie die Finger, die uns Druckempfindungen vermitteln, auch die bequemsten sind zur Vermittlung von Wärmeempfindung. Dazu mag noch kommen, daß die Wärmeempfindungen sehr bald (unter 0 Grad und über 55 Grad) Schmerzen verursachen, also ein Gemeingefühl, das für Wahrnehmungen der Außenwelt sehr ungeeignet ist. In der Nähe der menschlichen Eigenwärme ist unser Wärmesinn allerdings ausreichend, auch kleine Temperaturunterschiede, bis zu einem Fünftel Grad und weniger,wahrzunehmen; aber wir besitzen in unserem Wärmesinn keine genaue Wärmeskala, wie wir sie in der Tonskala unseres Ohres und in der Farbenskala unseres Auges besitzen. Ein Thermometer mißt genauer als unsere Haut, aber ein feines Ohr, ein scharfes Auge mißt viel genauer als ein Präzisionsthermometer.

Also auch der Wärmesinn nimmt eigentliche Wärmeunterschiede nur innerhalb eines ganz kleinen Ausschnittes der durch Hilfswerkzeuge wahrnehmbaren Wärmegrade wahr. Eine Temperatur, die bedeutend über oder unter diesem Ausschnitt liegt, erzeugt zunächst Schmerz ohne distinkte Wahrnehmung (sehr kalte Körper brennen) und vernichtet endlich sehr rasch den Organismus, genau so, wie derselbe Organismus durch übersteigende Druckempfindungen vernichtet wird.


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