Sinn für Elektrizität


Für die dritte Wirkung dieser Vibrationen, für die sogenannte Elektrizität, haben wir in der Sprache unserer Psychologie gar keinen. Sinn. Und auch nicht in unserer Gemeinsprache. Obwohl die Elektrizität bekanntlich physiologische Wirkungen erzeugt, und obwohl ein geübter Mechaniker jetzt schon durch die bloße physiologische Empfindung bis zu einem gewissen Grade die Höhe einer elektrischen Spannung wird messen können. Was lehrt uns das, daß wir für die Elektrizität keinen Sinn zu haben glauben? das heißt, daß kein Interesse die sich entwickelnden Organismen zur Ausbildung eines besonderen Elektrizitätssinns genötigt hat? Das kommt doch offenbar daher, daß es in der Natur, soweit sie nicht von Menschen beeinflußt worden ist, nur solche wichtige elektrische Erscheinungen gibt, deren Ähnlichkeit untereinander und deren Bedeutung für unser Leben nicht leicht zu erkennen war. Alle Begriffsbildung oder Namengebung ist Klassifikation oder Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten. Alle Aufmerksamkeit auf Ähnlichkeiten oder Klassifikation ist eine Funktion unserer Sinnesorgane. Aber unsere Sinnesorgane selbst sind doch höchst wahrscheinlich erst dadurch entstanden (von ihren Uranfängen in der Amöbe bis zu den menschlichen Sinnesorganen, wie wir trotz aller gegen den dogmatischen Darwinismus gerichteten Skepsis annehmen müssen), daß unsere Aufmerksamkeit, also der Wille zum Vergleichen, durch ein organisches Interesse mehr und mehr auf bestimmte Bewegungsgruppen in der Außenwelt, wie z. B. auf die Bewegungsgruppen der Töne und der Farben, gelenkt worden ist. Welches Interesse aber hatte der Naturmensch an elektrischen Erscheinungen? Oder welches Interesse könnte gar in vormenschlicher Zeit ein Tier an den für das Tier unklassifizierbaren elektrischen Erscheinungen haben? Die elektrischen Erscheinungen in den Muskeln und Nerven des menschlichen Körpers gehen ebenso unbewußt vor sich wie die chemischen Erscheinungen bei der Blutbereitung. Die Nerven haben keine besonderen Organe zur Beobachtung der Nerven. Erst auf einem Ungeheuern Umwege konnte man auf die Vermutung kommen, andere elektrische Erscheinungen mit der Tätigkeit der Nerven zu vergleichen. Der Blitz hätte allerdings das Interesse der Menschen wachrufen können. Man suchte aber als seine direkte Ursache eine Gottheit, wenn das Gewitter nicht gar überhaupt erst die Götterfurcht oder Gottesfurcht hervorgerufen hat. Und wenn man sich dabei auch nicht beruhigt hätte, so wäre es doch kaum angegangen, die furchtbare Erscheinung des Blitzes und die niedliche Erscheinung am geriebenen Bernstein ohne weiteres unter einen gemeinsamen Begriff zu klassifizieren. Just für das Elektrische am Blitze hatten wir ja eben kein Organ, also keinen Sinn. Es übersetzte sich in die Sprache des Gesichts, des Gehörs, deGeruchs, des Tastsinns (indirekt, weil der Blitz Bäume und Felsen zerschlug). Aber wer konnte ahnen, daß das nur Übersetzungen waren? Wer, dem eben der Blitz selbst eine Übersetzung fürs Gesicht war wie unsere Glühlampe? Hätte der Bernstein, das Elektron, nicht zufällig die Elektrizität der Beobachtung und dem Experimente jedes Kindes dargeboten, die Kraft der Elektrizität wäre bis heute vielleicht nicht entdeckt, und dann besäßen wir allerdings bis heute nicht einmal indirekt die Möglichkeit, Elektrizität zu erkennen. Hätten einzelne Stücke des natürlich vorkommenden Magneteisensteins nicht den Leuten in der Nähe des Fundortes die Erscheinung gezeigt, daß der Magneteisenstein Eisenteile anzieht, so wüßten wir wahrscheinlich, so wüßten wir gewiß noch heute nichts vom Magnetismus. Hätte es in der Natur weder Bernstein noch Magneteisenstein gegeben, so hätte Faraday seine Entdeckungen auf dem Gebiete des Elektromagnetismus nicht gemacht, und das Bild des gegenwärtigen Verkehrslebens wäre für uns nicht vorhanden; unsere Sinne würden uns nichts vorn Telegraphen und von der elektrischen Eisenbahn erzählen. Die Menschen sind so töricht, nach jeder neuen Entdeckung (Elektron, Magneteisenstein, Helium, Radium) schwindelnd zu rufen: Jetzt endlich wissen wir alles! Anstatt jedesmal neu zur Einsicht zu kommen: Also nicht einmal das haben wir bisher gewußt! Auf der Erdoberfläche. weil sie rund ist, können wir einmal mit makroskopischen Entdeckungen fertig werden und über Amerika nach Europa. über den Nordpol zum Äquator zurückkommen. Die übrige, die nicht oberflächliche Natur, ist uns zu erforschen versagt — wie das Erdinnere. Wir haben keine Organe für das Innere der Welt. 

 

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