Klassifikation


Das Seelenleben ist Kombination von Sinnesempfindungen. Es liegt also auf der Hand, daß auch die Vergleichung der menschlichen Sinne mit den Protistensinnen entweder unmöglich ist oder das voraussetzt, was man beweisen will. Wir sind jedoch in der Lage, auf dem Standpunkt der heutigen Physiologie diese Unvergleichbarkeit noch deutlicher aufzuzeigen. Kehren wir zu den akustischen Empfindungen zurück, so werden wir jetzt das, was wir beim Menschen akustische Empfindungen nennen, bestimmter definieren. Das menschliche Ohr nimmt regelmäßige Schwingungen der Körper innerhalb der Grenze von sechzehn bis sechzehntausend so wahr, wie wir dieses Gefühl als Ton verstehen. Ich behaupte nun: daß gerade die Regelmäßigkeit ganz gleicher kleiner Stöße unsere Nerven dazu geführt hat, diese Stöße zu klassifizieren. Hier steckt eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Nervenleben und Sprachleben verborgen; Klassifikation oder Begriffsbildung ist immer Vergleichung, zuletzt ist aber auch jede Sinnesempfindung Vergleichung von sehr ähnlichen und sehr kleinen Empfindungselementen. Genug, für einen Ausschnitt einer Art unter allen möglichen Körpervibrationen haben wir das Sinnesorgan des Gehörs. Die Art dieser Empfindung können wir nur empfinden (ich komme ohne diese Tautologie nicht aus), immer nur empfinden, niemals auch nur beschreiben. Wie in aller Welt sollen wir nun erfahren, ob das Protist irgend etwas diesen unbeschreiblichen Empfindungen Ähnliches empfindet oder nicht? Ob es die Schwingungen von 250 bis 500, auf welche die Amoeba princeps ihre Scheinfüße einzieht, als mechanische oder als akustische Reize empfindet? Als elementare Stöße oder als symbolische Bilder von Stoßgruppen? Wir neigen selbstverständlich dazu, dem Protist da nur Tastsinn, aber keinen Gehör sinn zuzuweisen und zu glauben, das Protist empfinde die Schwingungen von 250 bis 500 etwa so mit dem Tastsinn, wie wir Menschen die Schwingungen unter sechzehn und über sechzehntausend. Was wissen wir aber von der "Protoplasmaseele" und von der "Zellseele"? Was wissen wir davon, ob die für unsere schärfsten Mikroskope unsichtbaren Reizverrnittler im Protoplasma feiner oder gröber sind als das Nervensystem des Menschen? Ja, was wissen wir davon, ob der Tastsinn des Menschen gröber oder feiner ist als sein Gehörsinn und sein Gesichtssinn?


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