Aufmerksamkeit


Die inneren Vorgänge im sogenannten Bewußtsein der Menschen und die inneren Vorgange in einem Protist, das sich auf mechanische Reize nur bewegt, Reaktion auf unmittelbar akustische aber nicht zeigt, miteinander zu vergleichen oder gar gleich zu nennen, ist also recht eigentlich unpsychologisch; nicht einmal sprechen sollte man darüber. Weil aber die Verhältnisse bei den Protisten so einfach liegen oder doch so einfach zu liegen scheinen, was für unsere Vorstellung dasselbe ist, so können wir uns mit Hilfe der Protisten den Urzustand unserer spezifischen Sinnesenergien, die Zufälligkeit ihrer einzelnen Arten und die Zufälligkeit ihrer Ausdehnungsgebiete doch recht gut ausmalen. Wir brauchen dazu nur eine kühne und schöne Hypothese anzunehmen, welche Tyndall über die Wirkungen der sichtbaren und der bloß wärmenden Strahlen der Sonne klar ausgesprochen hat. Er sagt (Fragmente S. 224): "Der Sehnerv antwortet sozusagen den Wellen, mit denen er in Konsonanz ist; er läßt sich dagegen nicht erregen durch andere Schwingungen, welche eine fast unendlich größere Energie besitzen, allein deren Perioden mit den seinigen nicht im Einklänge stehen." Diese Theorie würde ein mystisches Element einführen, wie denn Tyndall auch öfter in solchem Zusammenhange von den Zwecken oder Bedürfnissen des Auges redet; aber Tyndall hat dieser Theorie einen festen Untergrund gegeben: er erklärt ohne Rücksicht auf unsere subjektiven Gesichtsempfindungen die größere oder geringere Absorption der hellen wie der dunklen Strahlen daraus, daß er die Licht- und Wärmeschwingungen des Äthers mit den Molekularschwingungen des mehr oder weniger durchlässigen Stoffes hypothetisch in Konsonanz oder Dissonanz bringt. Man kann die subjektive und die objektive Seite durch eine bekannte Erscheinung von der Mystik des Bewußtseins befreien: streicht man auf der Geige einen bestimmten Ton vor dem offenen Klavier, so antwortet die gleichgestimmte Klaviersaite; streicht man den Ton vor dem menschlichen Ohr, so antwortet die gleichgestimmte Faser im Gehörorgan; die anders gestimmten Saiten oder Fasern bleiben stumm. Bleiben taub, weil sie stumm bleiben. Ich habe mit dem Worte "gleichgestimmte Faser" noch nicht Helmholtz' gewagte Hypothese von der Einrichtung der Gehörklaviatur übernommen. Ich meine: organische Gebilde sind immer aktiv. Ich meine: wir können dem feinen Gehörorgan zutrauen, daß es sich selber stimmt, so daß der Apparat dem Geigenspiel auf einer einzigen Saite ähnlicher würde als dem Klavierspiel. Und um das Bild von einer noch jüngeren Erfindung zu nehmen: wie bei der drahtlosen Telegraphie wirken nur gleichgestimmte Wellen auf den Empfangsapparat; nur sie erregen seine Aufmerksamkeit.

Wir können jetzt ein schon vorgestelltes Bild erweitern. Was hört der musikalische Mensch, wenn in einem Konzertsaale hundert Instrumente und hundert Sänger einen Akkord erschallen lassen? Ich sehe davon ab, daß der Akkord sich auf den vorausgegangenen bezieht und die Erwartung eines mehr oder weniger bestimmten folgenden erregt, obgleich diese Beziehung und Erwartung erst die Hauptsache ausmacht, die Stimmung des Kunstgenusses. (Weshalb eine Umkehrung der zeitlichen Folge für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Melodie unmöglich ist.) Was hören wir, oder vielmehr was nehmen wir wahr? Den Akkord. Jawohl, aber was könnten wir in dieser Sekunde wahrnehmen? Es stürmen und stürzen in dieser Sekunde auf unseren Körper ein: die unendlich variierenden Molekularbewegungen des Stoffes, auf welchem wir sitzen, hundertfach verändert durch die Stoffe unserer Kleider; die unzähligen Durchkreuzungen der Molekularbewegungen in der uns umgebenden und niemals ganz ruhigen Luft, und die wieder anderen Bewegungen der riechenden Stoffe; die unendlichen Molekularbewegungen, die wir unter anderen Umständen als Wärme empfinden würden, die sich kreuzenden, in ihrer geordneten Verwirrung nicht formulierbaren Molekularbewegungen aller Lichtquellen und ihrer Reflexe; und endlich die Schwingungsverhältnisse der Töne, welche hundert Instrumente und hundert Sänger erregen, die Schwingungen, welche die Tonhöhe ausmachen, und die Nebenschwingungen, welche die Klangfarbe bilden, die regelmäßigen Schwingungen in den schönen Stimmen und guten Instrumenten, die unregelmäßigen Schwingungen in den weniger schönen Stimmen und schlechteren Instrumenten. Die Aufmerksamkeit des Musikers nimmt im Konzertsaal keine Tastempfindung, keine Geruchsempfindung, keine Wärmeempfindung, keine Lichtempfindung wahr, erkennt dagegen sofort die Unregelmäßigkeit in irgend einem der Instrumente; auch der musikliebende Laie erhält vom Tastsinn, vom Wärmesinn, vom Gesichtssinn keine Mitteilung, hört nur die Konsonanz, an deren Vergleichung das menschliche Ohr sich gewöhnt hat; und nur die plötzliche oder heftige Erschütterung eines anderen Sinnes, so z. B. der Gestank oder der Geruch auf dem Nachbarplatze, könnte ihn im Zuhören stören. Sein Interesse hat seine Sinne so eingestellt; wir nennen dieses Interesse Aufmerksamkeit.


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