Leibniz


Die Grundlage seiner Erkenntnistheorie hat Lessing schon als junger Mann durch Leibniz erhalten; von Spinoza sprach er selbst beinahe wie von einem toten Hunde, bis er ihn in Breslau studierte. Zu Leibniz kehrte er dennoch wieder zurück. Aber ein ...iste war auch Lessing nicht; es ist das schon von Herder bemerkt und damals das merkwürdige Wort "...ist" wie ad hoc geprägt worden. (Lessing selbst hat in dem munteren Gedichte "Wem ich zu gefallen suche und nicht suche" sogar die Verbalendung "isten" gewagt: "Allen Narren, die sich isten, zum Exempel Pietisten u. s. w."); wir dürfen nicht vergessen, daß Lessing, der nüchternste Kopf unter den großen Dichtern, daneben als Philosoph ein Mystiker gewesen ist und fast an eine handgreifliche Seelenwanderung glaubte. Oder selbst das nur "fun"?

Auch ohne die zahlreichen Beweise aus Lessings theologischen und philosophischen Schriften, die von seiner Jugendzeit bis zu seinem Ende reichen, wäre übrigens mit Sicherheit anzunehmen gewesen, daß Lessing die Grundbegriffe seines abstrakten Denkens dem berühmten Leibniz verdankte. Denn niemand kann eine andere Luft atmen als die, in welcher er lebt. Kants Kritik der reinen Vernunft ist erst im Todesjahre Lessings erschienen. Bis dahin war der Einfluß von Leibniz in Deutschland ein herrschender, und Lessing bewahrte nur seine Unabhängigkeit dadurch, daß er sich nicht an Christian Wolffs verbreitete Kompilationen, sondern an das Original hielt.

Kants ursprüngliches Streben war es, theologische Fragen aus der Philosophie ganz hinaus zu werfen, die Philosophie zur reinen Erkenntnistheorie zu machen; Kant wurde sich selber untreu, als er diese Fragen in der praktischen Philosophie wieder aufwarf. Leibniz dagegen quälte sich noch viel damit, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu erweisen. In dieser Beziehung war Leibniz, nicht nur gegen Spinoza gehalten, ein Eeaktionär. Man glaubt gewöhnlich, die gelehrte Welt sei im 18. Jahrhundert durchschnittlich deistisch gewesen; da ist nun eine Äußerung Leibnizens (aus dem Jahre 1696) höchst merkwürdig: "plût à Dieu que tout le monde fût au moins Déiste, c'est-à-dire, bien persuadé que tout est gouverné par une souveraine sagesse!" Auch Lessing nahm bekanntlich sein ganzes Leben hindurch ein leidenschaftliches Interesse an theologischen Fragen; auf sehr gründliche Kenntnis der Theologie gestützt, wurde er antitheologisch, er der Erste. "Sollen denn, müssen denn alle Christen zugleich Theologen sein?" schreibt er wider den Pastor Goeze in Hamburg. Auch auf diesem Gebiete war Lessing ein spät verstandener Bahnbrecher. Philosophie ist ihm Erkenntnis, Religion ein Gefühl vom Unerklärbaren, im Sinne Schleiermachers. So hindert ihn selbst in seiner mehr theologischen Epoche das Christentum nicht, eine Axt Entwicklungstheorie, allerdings nur in der Sprache seiner Zeit, aufzustellen und so selbst den Gedanken zu fassen, "daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können".


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