"mehr als fünf Sinne"


Was wir jetzt Entwicklungslehre nennen, ist von dem jungen Journalisten Lessing zuerst in dem merkwürdigen Aufsatze ahnend ausgesprochen, der "Das Christentum der Vernunft" überschrieben ist und sicherlich vor 1754 abgefaßt wurde. Der Aufsatz ist, in der Sprache sehr sophistisch, ein geistreicher Versuch über die Dreieinigkeit. Lessing sucht da (§ 17) die Harmonie der Welt in der logischen Forderung, es müßten alle Wesen eine nach Graden geordnete Reihe ausmachen, in welcher jedes Glied alles dasjenige enthält, was die unteren Glieder enthalten, und noch etwas mehr; welches "etwas mehr" aber nie die letzte Grenze erreicht. Und im § 21 fügt er hinzu: "Bis hieher wird einst ein glücklicher Christ das Gebiet der Naturlehre erstrecken, doch erst nach langen Jahrhunderten, wenn man alle Erscheinungen in der Natur wird ergründet haben." Ob Ernst Haeckel sich wohl für diesen glücklichen Christen hält?

Nun ist der ganze Gedankengang Lessings — man findet das Fragment "daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können" in der Hempelschen Ausgabe XVIII, 360, — sicherlich für unseren Geschmack zu deduktiv; er führt ihn aber durch Leibnizens Monadenlehre nicht nur zu der Ahnung einer Entwicklungstheorie (natürlich noch nicht zu der Selektionstheorie Darwins, eher zu Lamarck), sondern auch zu der Vorstellung, die man jetzt Beseelung der Zellen nennt, und diese Vorstellung wieder führt ihn zu dem ganz modernen Gedanken (den er freilich nicht naturwissenschaftlich zu fassen vermag), daß es eine Entwicklung bis zu fünf Sinnen gegeben habe und daß eine Weiterentwicklung der Zahl möglich sei. In fast mathematischer Weise, ordine geometrico, geht Lessing vor.

Er sucht zu beweisen, daß die Sinne Materie sind, daß die Seele, als sie Vorstellungen zu haben anfing, auch einen Sinn hatte, sie folglich mit Materie verbunden war. Aber nicht sofort mit einem organischen Körper. Denn ein organischer Körper ist die Verbindung mehrerer Sinne. Jedes Stäubchen der Materie kann einer Seele zu einem Sinn dienen. Das ist, die ganze materielle Welt ist bis in ihre kleinsten Teile beseelt.... Wenn man nun wissen könnte, wie viel homogene Massen (wir würden "Kräfte" sagen) die materielle Welt enthielte, so könnte man auch wissen, wie viele Sinne möglich wären. Aber wozu das? Genug, daß wir zuverlässig wissen, daß mehr als fünf dergleichen homogene Massen existieret», welchen unsere gegenwärtigen fünf Sinne entsprechen. Nämlich so wie der homogenen Masse, durch welche die Körper in den Stand der Sichtbarkeit kommen (dem Lichte), der Sinn des Gesichts entspricht, so können und werden gewiß z. B. der elektrischen Materie oder der magnetischen Materie ebenfalls besondere Sinne entsprechen, durch welche wir es unmittelbar erkennen, ob sich die Körper in dem Stande der Elektrizität oder in dem Stande des Magnetismus befinden, welches wir jetzt nicht anders als aus angestellten Versuchen wissen können. Alles, was wir jetzt noch von der Elektrizität oder von dem Magnetismus wissen oder in diesem menschlichen Zustande wissen können, ist nicht mehr, als was Saunderson (der bekannte blinde Professor der Optik) von der Optik wußte. Kaum aber werden wir den Sinn der Elektrizität oder den Sinn des Magnetismus selbst haben, so wird es uns gehen, wie es Saunderson würde ergangen sein, wenn er auf einmal das Gesicht erhalten hätte. Es wird auf einmal für uns eine ganz neue Welt voll der herrlichsten Phänomene entstehen, von denen wir uns jetzt ebensowenig einen Begriff machen können, als er sich von Licht und Farben machen konnte.


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