Spinoza


Historiker mögen die Frage untersuchen, ob Lessing zu seiner Idee außer von Leibniz und Hemsterhuis auch unmittelbar von Spinoza angeregt sein konnte. Unmöglich wäre es nicht, daß Lessing bei den "mehr als fünf Sinnen" an die spinozistische Vorstellung gedacht hätte: Gott hat unzählige Attribute, aber unser Verstand kann nur zwei davon (das Denken und die Ausdehnung) erfassen. Denken und Ausdehnung ist doch nur der alte Gegensatz von Geist und Körper, Seele und Leib. Macht man in Lockes Sinne das Denken zu einer Komplexität von leiblichen Eindrücken, so kann man allerdings (mißverständlich oder weiterdenkend) diese Vorstellung auch so formulieren: Gott oder die Natur hat unzählige Attribute, Eigenschaften oder Qualitäten, von denen wir nur die fünf Qualitäten unserer Sinnesorgane erfassen, zufällig erfassen. Und Spinozas Wort (im 56. nach der alten Zählung im 60. Briefe) wird beleuchtet: daß ein Dreieck sich Gott (die Natur) wesentlich dreieckig, ein Kreis sich ihn (oder sie) wesentlich kreisförmig denken würde, wenn das Dreieck, wenn der Kreis sprechen könnte. ... credo quod triangulum, siquidem loquendi haberet facultatem, eodem modo diceret, Deum eminenter triangulärem esse, et circulus, Divinam naturam eminenti ratione circularem esse. Der ganze abgründige Spinoza steckt hinter diesem Scherze. Gerade Lessings Ausruf großzügiger Dialektik "für den Menschen" scheint mir seinen Spinozismus und seine Idee einer Entwicklung der Zufallssinne gut zu verbinden. In dem gleichen 56. (60.) Briefe schreibt ja Spinoza unvergleichlich überlegen seinem törichten Korrespondenten: non dico, me Deum omnino cognoscere, sed, me quaedam ejus attributa, non autem omnia, neque maximam intelligere partem. In meiner Sprache: "Ich behaupte nicht, die Natur durchaus zu kennen, sondern nur einige ihrer Eigenschaften oder Kräfte und gewiß nicht einmal den größten Teil." 


 © textlog.de 2004 • 24.01.2017 18:13:36 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.07.2005 
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