Nietzsche und Sprachkritik


Nietzsche hätte eine Sprachkritik mit gewaltigeren Sprachmitteln herstellen können, als es hier geschieht, wenn er sich nicht einseitig mit moralischen Begriffen abgegeben hätte, und wenn ihn nicht seine prachtvolle Sprachkraft verführt hätte, Denker und zugleich Sprachkünstler sein zu wollen. Sein Mißtrauen gegen die Sprache ist unbegrenzt; aber nur solange es nicht seine Sprache ist. Höchstens daß er einmal, allerdings in der Maske Zarathustras, ausruft:

 

"Ich bin mir ein Worte-Macher:

Was liegt an Worten!

Was liegt an mir !"

 

Mißtrauen gegen die Sprache finde ich in den außerordentlichen Aphorismen aus seiner letzten Zeit, welche im zwölften Bande seiner Werke unter dem Titel: "Böse Weisheit" zusammengestellt sind. Aph. 71, "Wenn Skepsis und Sehnsucht sich begatten, entsteht die Mystik." Aph. 74: "Wer die Unfreiheit des Willens fühlt, ist geisteskrank; wer sie leugnet, ist dumm." Und wie geistreich, allzu geistreich ist Aph. 62: "Das Herz ist es, das begeistert: und der Geist ist es, der beherzt und kalt in der Gefahr macht. O über die Sprache!" (Der letzte Ausruf klingt allerdings wie ein Schrei der Bewunderung; ich möchte aber doch lieber annehmen, daß ihn nach solchen Jonglierkunststückchen, nach solchen feierlichen Kalauern einmal der Ekel vor dem sprachlichen Wortgespiel erfaßte und sein Ausruf diesem Ekel vor der eigenen Geistreichigkeit Luft machen wollte.)

Nietzsche wäre mit der Sprache fertig geworden, wenn er zwischen der Sprache als Kunstmittel und der Sprache als Erkenntniswerkzeug deutlich genug unterschieden hätte. Er hat uns keine Sprachkritik geschenkt, weil er sich von seiner eigenen Dichtersprache zu sehr verlocken ließ. Oft streift er den Wortaberglauben ab, um ihn ebenso oft wieder aufzunehmen.

Ich finde bei ihm (Menschl. Allzum. Aph. 11) eine Stelle, die fast einen meiner Grundgedanken ausspricht. Insofern der Mensch an die Begriffe und Namen der Dinge als an aeternae veritates durch lange Zeitstrecken hindurch geglaubt habe, habe er sich jenen Stolz angeeignet, mit dem er sich über das Tier erhob; er hätte wirklich gemeint, in der Sprache die Erkenntnis der Welt zu haben. . . . Sehr nachträglich — jetzt erst, dämmere es den Menschen auf, daß sie einen Ungeheuern Irrtum in ihrem Glauben an die Sprache propagiert haben. "Glücklicherweise" sei es zu spät, als daß es die Entwicklung der Vernunft, die auf jenem Glauben, beruhe, wieder rückgängig machen könnte. Und Nietzsche vergleicht die Sprache gut mit Logik und Mathematik, die vielleicht nicht entstanden wären, wenn man in Urzeiten gewußt hätte, daß es keine wirkliche Identität und keine absolut gerade Linie gibt.

Nietzsche hat dieses Aphorisma aber wieder einmal nicht zu Ende gedacht; er ist einfach auf dem Standpunkt der mittelalterlichen Nominalisten stehen geblieben und hat ihren Gründen materialistische Gründe unserer Zeit hinzugefügt. Daß er dabei nicht nur gegen die Sprache als wissenschaftliches Werkzeug kämpft, beweist, wie nebelhaft ihm auch da das Ziel war; kein Mensch will heute mehr in den Namen oder Begriffen Realien sehen (daß Fetische hinter ihnen stecken, weiß auch Nietzsche nicht), wohl aber Werkzeuge der Erkenntnis, und gegen diese Annahme richtet sich mein Angriff. Die Namen oder Worte sind unbrauchbare Werkzeuge.

Nietzsche verrät seinen eigenen Wortfetischismus dadurch, daß er die Vernunft sich an der Sprache entwickeln läßt und der Menschheit dazu gratuliert. Also: er ist Nominalist, Wortverächter gegenüber allen konkreten Begriffen, wird aber zum Wortanbeter, zum Wortrealisten gegenüber den Schatten der Konkreten, gegenüber den Abstrakten. Die Worte der Sprache entkleidet er ihrer Herrschaftsabzeichen, aber die sogenannte Vernunft, das heißt die Sprache selbst, setzt er nackend auf den Thron. Es ist, als ob er zuerst sämtliche Blätter und Zweige eines Baumes verbrannt hätte, dazu den Stamm und die Wurzeln, dann aber im Schatten dieses selben Baumes auszuruhen glaubt, weil das Wort "Baum" übrig geblieben ist, und vielleicht noch die Erinnerung an den Schatten des einstigen Baumes.

Oft genug äußert Nietzsche ja seinen Haß gegen die Sprache, seine Verachtung gegen sich selbst sogar als Wortemacher. Aber nicht als Erkenntniswerkzeug verwirft er die Sprache, immer nur als Werkzeug zum Ausdruck einer Stimmung. Der Dichter Nietzsche erhebt unerfüllbare Ansprüche an die Sprache. Es erinnert an Maeterlinck, wenn er in den "Streifzügen eines Unzeitgemäßen" sagt: "Wofür wir Worte haben, darüber sind wir auch schon hinaus. In allen Reden liegt ein Gran Verachtung. Die Sprache, scheint es, ist nur für Durchschnittliches, Mittleres, Mitteilsames (?) erfunden. Mit der Sprache vulgarisiert sich bereits der Sprechende." Und Nietzsche schreibt sogar dazu "Aus einer Moral für Taubstumme und andere Philosophen"; aber er denkt, wie die einleitenden Worte beweisen, nicht an Erkenntnis, sondern an "Erlebnisse, denen das Wort fehlt", an Stimmungen. Also, wie ich gezeigt zu haben glaube, an das einzig "Mitteilsame", an den einzigen Fall, wo die schwebende Sprache ein gutes Werkzeug werden kann.

So ist Nietzsche, trotzdem er mit dem Hammer zu philosophieren glaubte, nicht der Kritiker der Sprache geworden. Um das grobe Wort auszusprechen, er war zu eitel, um sich bei der Stellung eines Kritikers zu begnügen. Er war ein Niederreißer und wollte ein Schaffender heißen. Er wollte nicht so tief hinabsteigen, wie er die Fundamente gesprengt hatte. Ein umgekehrter Solneß. In diesem Sinne zu eitel. Und auch zu sehr Dichter. Und zu sehr Unmoraltrompeter, also doch Moralist. Anstatt die Begriffe überhaupt zu prüfen, hielt er sich zunächst an die Wertbegriffe. Und anstatt an den Werten nur zu zweifeln, sann er über eine Umwertung der Werte, also über neue Tafeln, also über einen neuen gottlosen Wortaberglauben. Ich möchte das Bild vom Radfahrer, der die Lenkstange nicht loslassen kann, ausruhen lassen; es ist auch zu nüchtern für Nietzsche. Sein Haften an der Sprache mahnt mich an den Erfinder, der mit einem Luftballon über die Lufthülle der Erde hinweg bis an die Sterne fliegen wollte; und weil ein Luftballon außerhalb der Lufthülle so wenig steigen kann wie ein Denker sich denkend über die Sprache hinaus erheben kann, darum glaubte der unglückliche Erfinder die nötige Menge Luft mitnehmen zu müssen und zu können. Eine Reise ins Blaue wie die des alten Cyrano de Bergerac.

Und Nietzsche war wirklich zu sehr Denker und Dichter dazu. Das ist, rühmend oder tadelnd, oft von ihm gesagt worden, aber erst im Gedankengange der Sprachkritik wird deutlich, daß eine solche Doppelanlage des Geistes zu einer bewußten Trennung der beiden Talente führen muß, wenn der Denker nicht in Wortaberglauben verfallen soll; denn wir wissen schon, daß die Sprache ein ausgezeichneter Stoff der Wortkunst, aber ein elendes Werkzeug der Erkenntnis ist. Goethe war einfach groß genug, um allen Glanz seines Wesens zurückzustellen, nach Möglichkeit, wo schlichte Darstellung am Platze schien. Nietzsche war zu eitel, um in seinen Aphorismen auf die dichterischen Darstellungsmittel zu verzichten; darum wurde er in der Philosophie kein Sprachkritiker.

Um so feiner erkannte er, was wir für das Wesen der Sprache als Kunstmittel erklärt haben, daß die dichterische Sprache keine scharf umrissenen Begriffe kenne. In seiner vierten unzeitgemäßen Betrachtung "Richard Wagner in Bayreuth" rühmt Nietzsche es überschwenglich an Wagner, daß die Personen seiner Musikdramen zunächst durch die Musik, sodann durch die Gebärden die Grundregungen ihres Innern darstellen, "und in der Wortsprache noch eine zweite abgeblaßtere Erscheinung derselben, übersetzt in das bewußtere Wollen, wahrnehmen" lassen. Wagner habe es verstanden, die Sprache "in ihren Urzustand zurückzuzwingen, wo sie fast noch nicht in Begriffen denkt, sondern noch selbst Dichtung, Bild und Gefühl ist". Da wurde zwar der Dichter Wagner (der war viel mehr Regisseur als Dichter) ungeheuerlich überschätzt; nur Nietzsches ideale Forderung an sein eigenes Dichten sprach sich leidenschaftlich aus.

Da ich mich habe verleiten lassen, von Nietzsches Ahnung des Zufalls in der Erscheinungswelt zu seiner Bedeutung in der Geschichte der Sprachkritik abzuschweifen, will ich auch zu den letzten Sätzen die Bemerkung nicht unterdrücken, daß sie seiner Ehrlichkeit gegen sich selbst kein gutes Zeugnis ausstellen. Er veröffentlichte jene Hymne auf Richard Wagner, als der innere Bruch mit seinem Meister schon vollzogen war. Es lebte da neben dem opferbereitesten, bis zur tragischen Selbst Vernichtung tapfer gesteigerten Wahrheitsdrang ein lachender Cynismus in Nietzsches Seele, mag auch für das ganze Verhältnis (von Nietzsche zu Wagner) noch eine geradezu tragische Mischung von Liebe und Verachtung aufklärend, biographisch aufklärend sein. Jedenfalls konnte Nietzsche damals nicht ohne Cynismus die Dithyrambe auf Wagner herausgeben, in welcher die Brandmarkung Wagners als eines Schauspielers schon versteckt zu finden ist."Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, daß Wahrheit mehr wert ist als Schein." Es ist wohl nur ein erkenntnistheoretisches Vorurteil. Daß Wahrheit und Schein die Entwicklung des menschlichen Verstandes gleich gefördert haben, daß vielmehr auch das armselige bißchen Wahrheit nur auf dem Scheine unserer Zufallssinne beruht, das ist hoffentlich auch unsere Überzeugung geworden. Nietzsche flüchtet sich wie immer in die Moral, wo Wahrheit einen ganz anderen Sinn hat, und er hat unrecht.

Gerade dort, wo Nietzsche die Neigung zur "Wahrheit" (die Gänsefüße sind sein Eigentum) diabolisch verhöhnt, im ersten Hauptstück des "Vorspiels einer Philosophie der Zukunft" (so heißt "Jenseits von Gut und Böse" im Untertitel), da scheint es mir am deutlichsten herauszukommen, wie nahe Nietzsche der Forderung einer Sprachkritik stand, und wie ihn sein Übermenschenbewußtsein wieder von der sprachkritischen Resignation entfernte. Er sagt da (besonders Aph. 3 und 4), hinter allen Philosophien seien Wertschätzungen, das heißt physiologische Forderungen zur Erhaltung einer bestimmten Art von Leben verborgen; alle diese Schätzungen seien Niaiserie. "Die Falschheit eines Urteils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urteil; darin klingt unsere neue Sprache vielleicht am fremdesten." Man sieht, Ibsens notwendige Lebenslüge wird aus dem moralischen Gebiet wieder ins Erkenntnistheoretische hinübergetragen; und da, wo "unsere neue Sprache" beginnt, da ist nicht mehr von Niaiserie, da ist nur noch von Fremdheit die Rede.

Trotz alledern ist Nietzsche ein außerordentlich scharfer Sprachkritiker dort, wo die Sprache seinem Willen im Wege steht. Nur da. So hat er gerade in den moralischen Aphorismen von "Jenseits von Gut und Böse" über das Philosophieren überhaupt die prächtige Stelle (Aph. 21), die ich gleich hersetzen will, wenn auch ihre inneren Beziehungen mehr auf die Kritik der grammatischen Erscheinungen hinweisen:

"Philosophieren ist insofern eine Art von Atavismus höchsten Ranges. Die wunderliche Familienähnlichkeit alles indischen, griechischen, deutschen Philosophierens erklärt sich einfach genug. Gerade wo Sprachverwandtschaft" (der Hammerphilosoph hatte sich also nicht von den Wortgespenstern seiner Spezialwissenschaft befreit) "vorliegt, ist es gar nicht zu vermeiden, daß, dank der gemeinsamen Philosophie der Grammatik — ich meine dank der unbewußten Herrschaft und Führung durch gleiche grammatische Funktionen — von vornherein alles für eine gleichartige Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme vorbereitet liegt: ebenso wie zu gewissen anderen Möglichkeiten der Weltausdeutung der Weg wie abgesperrt erscheint. Philosophen des ural-altaischen Sprachbereichs (in dem der Subjektbegriff am schlechtesten entwickelt ist) werden mit großer Wahrscheinlichkeit anders in die Welt blicken und auf anderen Pf aden: zu finden sein als Indogermanen oder Muselmänner: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen ist im letzten Grunde der Bann physiologischer Werturteile und Rassebedingungen." Ganz leise möchte ich schon hier darauf hinweisen, dati die Ähnlichkeit der philosophischen Systeme sich doch noch häufiger als die Ähnlichkeit des Sprachbaus aus Entlehnung anstatt aus Abstammung erklären mag; was Nietzsches tiefen Blick in die Zusammenhänge zwischen Grammatik und Logik nicht geringer würdigen läßt.

 

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