Entwicklung der Orientierung


Zu der Annahme von einzelnen Seelenvermögen (welche wie gesagt, in der gegenwärtigen Wissenschaft offiziell mitsamt der Seele geleugnet werden, um sich auf jedem Blatte wieder einzuschleichen) können wir deduktiv oder induktiv gelangen. Deduktiv so, daß wir der bequemeren Übersicht wegen der Monarchin Seele eine Anzahl von Statthaltern beigeben, das sind die Seelenvermögen der älteren Psychologie. Induktiv aber gelangen wir zu ähnlichen Seelenvermögen, solange wir bestimmte Vorgänge des Lebens oder unseres sogenannten Bewußtseins nach menschlich vorgestellten Ähnlichkeiten unter bestimmte Worte zusammenfassen und nun, je nach dem Grade unseres Scharfsinns, von Mitleid und Liebe. Ortsinn und Sprachsinn u. s. w. reden. Solange wir diese Worte in unserem Sprachschatze haben, solange werden wir uns auch von den Wortgespenstern nicht ganz befreien können: so sieht jeder Mensch am Himmel das Gebilde des großen Bären, weil diese Sterngruppe einen besonderen Namen hat, und weiß nicht einmal, daß (wenn die Sanskritgelehrten recht haben) die Gruppe irrtümlich, durch den Gleichklang des indischen Wortes für Stern und Bär, zu ihrem Namen gekommen ist. Wie ganz anders in Wirklichkeit die Vorgänge im Gehirn sich abspielen mögen, das können wir fast nur negativ aussprechen. Und dennoch könnten uns unsere Zufallssinne darüber belehren, wie ganz anders die Ordnung des Gehirnlebeus, das heißt die Orientierung des Menschen in der Außenwelt vor sich gehe. In unergründlich toller Mannigfaltigkeit stürmen die Molekularbewegungen der Außenwelt auf den Menschenleib ein, wie auf jeden Stein und auf jede Pflanze. Der Stein orientiert sich durch das, was wir Schwerkraft, Chemismus, Elektrizität und dergleichen nennen, und versteht so die Welt in seiner Art ganz vortrefflich. Das Organische interessiert ihn nicht. Die Pflanze orientiert sich z. B. für Licht und Wärme wieder anders; das Denken interessiert sie nicht. Wie der Stein das Organische, wie die Pflanze das Gedankliche, so läßt der Mensch unzählige Molekularbewegungen ohne Reaktion an sich abgleiten; er hat sich seit dem Anfang seiner Entwicklung nur für gewisse Molekularbewegungen, welche z. B. innerhalb der Grenzen der wahrnehmbaren Schall- und Lichtwellen liegen, interessiert, und nach diesen Mitteilungen, seiner Zufallssinne orientiert er sich in der Welt.  


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