Psychologie und Sprache


Wie aber sich von der alten Sprache befreien, wenn diese, zugleich ungeeignet für wissenschaftliche Arbeit, doch zugleich das einzige Werkzeug der Wissenschaft ist? Und in der Psychologie Werkzeug und Objekt dazu? Muß ich's erst wieder durch das nächste Beispiel belegen? Auf Empfindungen und Wollungen wird unser Innenleben zurückgeführt. Die soll Psychologie zuletzt erklären. Womit? Mit Empfindungen und Wollungen. Was sind das für Dinge? Keine Dinge. Hypostasen, Abstraktionen, von Verben gebildet. Diese Verben glauben wir zu verstehen: wir empfinden, wir wollen. Erst im folgenden wird ganz deutlich werden, was ich hier dennoch vorwegnehmen muß: es gibt keine Verbaldinge in der Wirklichkeit. Menschliche, rationale, zweckdienliche Denkarbeit hat die aktiven Verben geschaffen, die inaktiven Verben sind analogisch entstanden, aus einem menschlichen Ordnungsbedürfnis heraus. Was fangen wir mit substantivischen Hypostasen an, die wir selbst erst aus solchen Verben abgeleitet haben? Wir bauen auf ihnen die psychologische Terminologie auf.

Wir können auf keinem Wege zu einer brauchbaren psychologischen Terminologie gelangen. Die vorwissenschaftliche Sprache ist kaum mit der Außenwelt vergleichbar; mit aller Selbstbeobachtung kommen wir über diese vorwissenschaftliche Sprache nicht hinaus, und das psychophysische Experiment läßt sich seine Aufgaben nach wie vor von der vor wissenschaftlichen Sprache stellen.

Darum auch können die physiologischen Psychologen ihre kleinen Beobachtungen nicht gut sprachlich unterbringen, weil die Nerven alles direkter und besser wissen, als die Nervenbesitzer, welche sich den Dingen indirekt auf dem bildlichen Wege der Sinnesorgane nur nähern. Auf die Nervensubstanz wirken Gravitation, Chemismus, Wärme, Licht, Elektrizität, und wie man das Leben sonst klassifiziert hat, direkt; die Nerven empfinden diese Dinge so oder so und haben trotz Kant und dem Ding an sich vielleicht recht, vielleicht auch nicht. Wir aber kennen die Natur allein unter diesen Worten, gewissermaßen nur brieflich, und quälen uns ab, zu begreifen, wie diese Namen, diese Unbekannten, auf die Nerven wirken können. Den Nerven aber sind es vielleicht Blutsverwandte, die sie begrüßen und küssen, deren Namen sie aber nicht wissen, weil die Natur erst von den Menschen getauft worden ist.

Es ist ganz natürlich und gerecht, wenn die Sprache verrückt wird, sobald man sie auf die Vorgänge anwenden will, die im Menschengehirn eben erst zur Sprache oder zum Denken führen. Ein Spiegel soll sich nicht selbst spiegeln wollen.


 © textlog.de 2004 • 30.03.2017 16:31:45 •
Seite zuletzt aktualisiert: 01.07.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright