Seelenblindheit


Nach solcher Besinnung werden die Anschauungen von einer Irennung des Wahrnehmungszentrums und des Erinnerungszentrums noch zweifelhafter, als sie ohnedies schon waren. Und "Wahrnehmen", "Erinnern" sind doch Vermögen, Provinzen, Tätigkeitsgruppen, die verhältnismäßig fest umschrieben scheinen, die auf dem Gebiete der Lokalisationsforschung sich doch besser ausnehmen als Galls Ortssinn oder Zerstörungssinn. Aber wir ahnen ja kaum, wie komplex jede einzelne Wahrnehmung, jede einzelne Erinnerung ist; physiologisch und psychologisch. Man hat die Erscheinungen am Hunde oder Affen, dem bestimmte Partien der Hirnrinde abgetragen waren, und ähnlich beschriebene Erscheinungen bei geisteskranken Menschen als "Seelenblindheit" bezeichnet; es kommt wenig darauf an, ob man dafür das Wort "Bedeutungsblindheit" setzt, weil angeblich das mißhandelte Tier die einzelnen Farbenpunkte wohl sehe und nur den Gegenstand nicht erkenne. Was wissen wir denn überhaupt von dem Sehen des Tieres? Was wissen wir gar davon, wie das Tier nach der schrecklichen Operation sich weiter zu orientieren sucht? Entscheidend scheint mir zu sein, daß der einfachste Wahrnehmungsakt des Sehapparats ohne Mitwirkung des Gedächtnisses undenkbar ist, daß es ein Sehen ohne ein Erkennen gar nicht gibt, daß also eine völlige Trennung der Wahrnehmungs- und der Erinnerungszentren gar nicht möglich ist, und daß Stricker recht behält, wenn er es in einem anderen Zusammenhang für ganz widersinnig erklärt, daß sich eine Ganglienzelle A an etwas erinnern soll, was Ganglienzelle B empfunden hat. Man wende mir nicht ein, daß es ein Sehen ohne Erkennen wohl gebe, daß man z. B. in der Ferne einen gelblichen Fleck wahrnimmt und noch nicht weiß, ob es ein Kalb oder ein Hund ist. Es scheint mir fast dieser Untersuchung unwürdig, darauf hinzuweisen, daß da mit dem Begriffe Erkennen gespielt werde.

Man hat denn auch den geschilderten Zustand, weil seine psychologische Erklärung zu wünschen übrig ließ, gelegentlich "Rindenblindheit" genannt und damit zugegeben, daß er in die Psychologie nicht hinein gehöre. Mit "Seelenblindheit" war der Versuch einer Erklärung gemacht worden; mit "Rindenblindheit" wird nur knapp die Tatsache zusammengefaßt, daß ein Tier mit Rindendefekten sich in der sichtbaren Welt schlecht orientiere. Und sogar da ist noch der Wortteil "Blindheit" eine Hypothese, weil wir nicht wissen können, wie weit die allgemeine Intelligenz durch die Operation Schaden gelitten habe. In einer Kritik der Munkschen Versuche (Wiener medizinische Wochenschrift, 1880, Nr. 26—28) hat der Ophthalmologe Ludwig Mauthner die Schlüsse aus dem Begriffe "Seelenblindheit" bekämpft und die ganze Erscheinung mit erfrischendem Verzicht auf jede Feierlichkeit einfach auf "Schlechtsehen" zurückgeführt. Vorzüglich stimmt zu der Kolle, welche ich dem Gedächtnisse auch bei der einfachsten Sehwahrnehmung geben muß, der Fall, welchen derselbe Ludwig Mauthner für seine Darlegung angeführt hat. Eine Frau, welche am grauen Stare operiert worden war, besaß mit Stargläsern ein genügendes Sehvermögen, konnte aber trotzdem mit den Augen die Worte nicht lesen, die sie — wie sie es in der Zeit ihrer Blindheit gelernt hatte — mit den Fingern über die plastische Blindenschrift tastend lesen konnte. Sie war doch gewiß weder seelenblind, noch rindenblind; sie hatte nur keine Erinnerungen an Gesichtswahrnehmungen, weil sie ganz simpel augenblind gewesen war. Und sie lernte lesen, d. h. sie sammelte Erinnerungen, wie die operierten Hunde Munks nach ihrer Gehirnerkrankung neue Erfahrungen sammelten und schließlich ihren Futternapf wieder erkannten.

Wundt (Völkerpsychologie I, 2. Auflage, 530 ff.) hat eigentlich jede psychologische Deutung der Tierversuche und der klinischen Beobachtungen, die die Lokalisation zum Ziele hatten, preisgegeben. Er gibt sogar zu, "es mögen die Traditionen der alten Phrenologie etwas mitgewirkt haben", Und er zieht aus der Kompliziertheit der sprachlichen Vorgänge den richtigen Schluß, daß es völlig unmöglich erscheint, sie an ein eng begrenztes Hirngebiet oder gar an einzelne Hirnzellen binden zu wollen.


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