Phrenologie


Galls Phrenologie war nur der erste kindische Versuch einer solchen Lokalisation. Er braucht nicht mehr widerlegt zu werden. Für uns ist an dieser Phrenologie nicht der physiologische Unsinn beachtenswert, sondern vor allem die Tatsache, daß Gall die Namen der verschiedenen angenommenen Seelenvermögen für Wirklichkeiten hielt, für selbständige Wesen, denen er nun bestimmte Wohnsitze in der Gehirnmasse zuwies. Daß er in der brutalsten Weise die Stärke der Leistungen nach der Stärke dieser Wohnungsbezirke abschätzte, daß er ferner (gegen allen Augenschein) die Stärke der Gehirnpartie beim lebendigen Menschen nach der Ausbildung der Schädelwandbuckel bestimmte, das war die vergängliche Torheit seiner Lehre. Die bleibende Torheit gefiel und gefällt sich darin, die abstrakten Worte der alten Psychologie immer wieder zu neuen Seelenvermögen umzubilden und nach den Organen dieser Abstraktionen zu suchen. Gall fand ganz zuversichtlich gegen dreißig solche Organe. Das Prinzip von Galls Phrenologie ist, so völlig auch die Lehre selbst durch ihre Lächerlichkeit und durch Hyrtls Kritik überwunden worden ist, doch so lange nicht besiegt, als die Bezeichnungen für die verschiedenen Seelenvermögen nicht kritisiert worden sind. Schon F. A. Lauge hat das Grundübel der psychologischen Gehirnlehre darin erkannt, daß eine Personifikation abstrakter Vorstellungen an Stelle der Erfassung der Wirklichkeit trete. Nur daß auf diesem Gebiete die Wirklichkeit etwas ganz anderes ist als in der wirklichen Wirklichkeit. In allem Wissen von der natürlichen Welt schützen wir uns vor falschen Vorstellungen, das heißt vor sinnlosen oder vor wirren Worten dadurch, daß wir auf die Mitteilungen unserer Sinne zurückgehen. In der Psychologie müssen wir den Vorgang dieser Mitteilungen selbst kennen lernen, wenn wir die letzten Tatsachen verstehen wollen. Ich mache nebenbei darauf aufmerksam, daß die Sprache uns hier wie immer offenbar im Stiche läßt, weil sie noch nicht fein genug unterscheidet. "Mitteilung unserer Sinne" bedeutet das eine Mal etwas Konkretes, Bekanntes, das andere Mal etwas Abstraktes, Unbekanntes. Der Sinneseindruck rot, durch welchen wir die Rose wahrnehmen, heißt eine Mitteilung unseres Gesichtssinns; in der Psychologie jedoch handelt es sich darum, wie diese sogenannte Mitteilung zu stände kommt.


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