Kausalbegriff


Das Bild von einer Wechselwirkung zwischen Seele und Leib aufzugeben und das schlechtere Bild vom Parallelismus an die Stelle zu setzen, das wäre doch ein Rückfall in halbscholastischen Dualismus, vielleicht darüber hinaus einmal in den Okkasionalismus. Niemand kann schärfer als wir aussprechen (weil es ja das Um und Auf dieser Sprachkritik ist), daß "Wechselwirkung zwischen Seele und Leib" eine Reihe von schwebenden Begriffen ist; wir wissen nicht, was Seele ist, nicht, was Leib ist, wir wissen am wenigsten, was Wirkung oder gar Wechselwirkung ist. Doch leben und sterben wir vorläufig in einer Weltanschauung, die auf der Hypothese von Ursache und Wirkung aufgebaut ist. Böte ein Mensch uns einen Ersatz für den Ursachbegriff, wir wollten ihn als einen Gott verehren und das mit Recht; denn nur in einem Gotte oder in der Natur dürfte das, was wir Ursache nennen, aufgehoben sein, mitsamt der Zeit aufgehoben. Deshalb wird der Erlöser vom Ursachbegriff wohl niemals erscheinen. Nur kritisieren, töten können wir den Begriff, nicht uns von seinem gespenstischen Weiterwirken befreien. Der gepriesene Parallelismus jedoch vernichtet die Wechselwirkung zwischen Seele und Leib, vernichtet die unklaren Vorstellungen der alten, immerhin beziehungsreichen Begriffsfolge und gibt uns dafür ein völlig unbrauchbares, beziehungsloses, unvorstellbares Schlagwort. Der Parallelismus umgeht den Kausalbegriff. Aus dem unsicher gewordenen Materialismus hervorgegangen, möchte der Parallelismus, ohne rückwärts zu gehen, wenigstens leugnen, daß das Psychische seine Ursache im Physischen habe; seine "Ursache", Gottbewahre. Nur seine "zugeordnete" Funktion, Gott sei Dank. Der Parallelismus behauptet wieder einmal kühn und frei, woran eigentlich kein Mensch, seitdem darüber gestritten wird, gezweifelt hat: daß ein Zusammenhang da sei. Der Zusammenhang soll nur erklärt werden. Der Parallelismus nennt die altbekannte Tatsache mit einem neuen Worte und hält das Wort für eine Erklärung; er erkennt nicht, daß aller Streit um Leib und Seele nur ein Wortstreit ist, daß nur die arme Menschensprache ein identisches Wesen zweimal benennen muß, und glaubt der Not mit einem Worte wehren zu können. Es würde die Kinder kränken, wenn sie erführen, daß das dünne Kugelhäutchen von ekelhaftem Seifenwasser die Ursache der prachtvollen Eegenbogenfarben sei; so sagt er: ich, der Parallelismus, bin in der Seifenblase zwischen Körper und Farbe verborgen. Bin die Erklärung.

Daß Psychisches und Physisches nicht aufeinander wirken könne, hat man wortabergläubisch oft beauptet, seitdem das Physische als quantitative, das Psychische als qualitative Erscheinung schön definiert worden ist; sind doch Quantität und Qualität verschiedene Kategorien. Was nicht hindert (wie man seit mehr als tausend Jahren weiß), daß so und so viele Schwingungen einer Saite dennoch die physische Ursache einer bestimmten Tonempfindung, also eines psychischen Erlebnisses sind. Und es kann nicht oft genug wiederholt werden, daß die Schwingungen dieselben bleiben, ob sie nun der Physiker mißt oder der Musiker hört. Die Anwendung des Ursachbegriffs auf die Abhängigkeit psychischer Erscheinungen von physischen (physiologischen) ist nicht einmal eine besonders kühne Metapher; weil der Ursachbegriff, wie wir ihn für die Abhängigkeit rein physischer Erscheinungen haben, selbst rein psychisch ist. Unbequem nur ist der Ursachbegriff auf allen Gebieten, die nicht der Mechanik angehören. Die materialistische Sprache sagte "Ursache" ursprünglich einzig und allein für mechanische Tatsachen von Grund und Folge; es ist schon unbequem, den Magnetismus "Ursache"' von Elektrizität zu nennen, noch unbequemer das Sonnenlicht eine "Ursache" des Lebens, ganz unbequem ein physiologisches Gewebe die "Ursache" von Empfindungen. Wir haben aber Elektrizität, Leben, Empfinden. Erklären heißt Ursachen suchen. Wir können nicht zugleich auf Erklärung ausgehen und dann plötzlich auf den Ursachbegriff verzichten.  


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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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