Lamarckismus


Neuerdings (1905) hat A. Pauly in seinem lesenswerten Buche "Darwinismus und Lamarckismus" einer erweiterten Anwendung des Seelenbegriffs auf die Pflanzenwelt fast leidenschaftlich das Wort geredet. Er hat im großen recht, wenn er erwartet, Lamarck, der naturphilosophische Vorgänger Darwins, werde trotzdem sein Nachfolger werden, er hat im kleinen recht, wenn er den Pflanzenphysiologen unserer Tage vorwirft, daß sie die psychologischen Begriffe "Reiz", "Empfindung" immer erst glauben mechanisieren zu müssen, bevor sie sie den Pflanzen zuschreiben. Pauly verläßt die wissenschaftliche Gemeinsprache (wenn es eine solche gibt) nicht, da er von einer Psychologie der Zellen und Gewebe spricht, gegenüber der bisher fast allein behandelten Psychologie des Gehirns. Es ist ja wahr, daß es einzig von unserem Standpunkte abhängt, ob wir die Beobachtung und Beschreibung der Reizwirkungen der Physiologie oder der Psychologie zuordnen wollen, ob wir z. B. auf das "Benehmen" einer Schling-, einer Kletterpflanze die Begriffsgruppen der Physiologie oder der Psychologie anwenden wollen. Pauly geht in der Anwendung anthropomorpher Vorstellungen sehr weit; er spricht der Pflanze nicht nur Gefühl und Empfindung zu, sondern auch Urteile, Schlüsse, Denkakte. Der Sprachkritiker kann gegen so kühne Bilder nicht viel einzuwenden haben, weil er von der metaphorischen Beschaffenheit dieser Begriffe, auch innerhalb der Menschenpsychologie, durchdrungen ist. Umsoweniger einzuwenden, als Pauly nicht vergißt, auf die Unvergleichlichkeit beider Psychologien gelegentlich hinzuweisen. Er sagt (S. 183), der "Denkakt" der Pflanze bestehe in der unmittelbaren (?) Assoziation zweier Erfahrungen, "in deren primitive Einfachheit wir uns nicht versetzen können, weil wir bei unserem menschlichen Vorstellen den verwickelten Anteil, welchen unsere Sinne daran haben, nicht abstreifen," weil wir unseren "Geist nicht so klein(?) machen können, daß er in eine Pflanze hinein paßt!" Pauly nennt (S. 202) sehr gut die Gründe, aus denen die Fachgelehrten der Pflanzenwelt sich vor psychologischen Begriffen scheuen. Gegen die alte theologische Teleologie hilft das Bekenntnis zum Atheismus; gegen mystische Dunkelheiten hilft es, den Boden der anschaulichen Tatsachen nicht zu verlassen. Auf das Wort "Lebenskraft" kommt es auch nicht an. Aber «die Übertragung menschlicher Seelenzustände auf Wesen, in deren Inneres wir keinen Einblick haben", diese Gefahr ist unabwendbar, liegt im Wesen der Sprache, wiederholt sich, so oft wir unser inneres Erleben gleichartig bei unseren Mitmenschen voraussetzen. Über Paulys "Autoteleologie" ist hier zu sprechen nicht der Ort. Sie ist der Begriff, der ihn zu Psychologien jedes organisierten Leibes führt.

 

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