Tiere und Pflanzen


Früher half man sich bekanntlich so, daß man dreierlei Seelen annahm, die niederste den Pflanzen, Tieren und Menschen, die höhere den Tieren und Menschen, die höchste den Menschen allein zuschrieb. Mit dieser Distinktion kam man in der Naturbetrachtung nicht weiter, wenn auch natürlich der alte Unterschied zwischen dem Tier und den meisten Menschen und der noch krassere Unterschied zwischen den bekanntesten Tieren und den bekanntesten Pflanzen heute noch mit ähnlichen Worten ausgedrückt werden müßte. Aber alle Wissenschaft hat den Drang nach vereinigenden Formeln. Der Wunsch, die Organismen einheitlich aufzufassen, wurde nicht gefördert. Die Aufstellung einer besonderen niederen, vegetativen Seele erklärte nichts, das heißt vermochte die Organismen nicht mit gleichen Worten zu beschreiben. Daß Tiere und Pflanzen, soweit es nicht auf die Reizerscheinungen ankommt, gleichartig sind, das ist selbstverständlich. Selbst die naiven Unterscheidungsmerkmale zwischen Tieren und Pflanzen sind wissenschaftlich nicht mehr aufrecht zu halten. Es gibt Tiere, die sich nicht frei bewegen können, es gibt Tiere, die ihre Nahrung ohne Magen aufnehmen, es gibt endlich Organismen, die sich in der gegenwärtigen Klassifikation nicht als Pflanzen und nicht als Tiere bestimmen lassen.

Es ist nun sehr schwer, von den vegetativen Erscheinungen der Ernährung und Fortpflanzung diejenigen Erscheinungen begrifflich zu trennen, die ich vorhin nicht ohne Verlegenheit Reizerscheinungen genannt habe, und die die Phantasie am ehesten veranlassen, das Wort Seele auf die Pflanzen anzuwenden. Alles organische Leben bietet uns ein völlig Unverständliches, was wir zuletzt als eine Wirkung auf Reize bezeichnen. Auch die Nahrungsaufnahme. Ich möchte das noch mit einigen Worten erläutern, um wieder einmal darauf hinzuweisen, wie wenig wir von den Dingen verstehen, die wir zu verstehen glauben.

Wir können recht gut die Pflanze als ein umgestülptes Tier oder das Tier als eine umgestülpte Pflanze auffassen, wenn wir — wie man zu sagen pflegt — die Verschiedenheit der Nahrungsaufnahme bei beiden erklären wollen. Es ist wirklich nur eine morphologische Frage, ob der Apparat zur Nahrungsaufnahme als Wurzel mit allen Wurzelfasern nach außen geht oder als Darm mit allen Darmzotten inwendig sitzt. Was uns dann als Wirkung einer Seele erscheinen soll, das muß eine Bewegung sein. Wenn die Amöbe von irgend einem Punkte ihrer Hülle aus sich vorstreckt, etwas wie einen Tentakel aussendet, um ein Nahrungspartikelchen zu ergreifen und es zu assimilieren, so sehen wir darin den Anfang tierischer Bewegung. Wenn eine Pflanzenwurzel nicht senkrecht in das Brdreich hinabsteigt, sondern in schräger Richtung der Feuchtigkeit nachgeht, so vergleichen wir das mit der tierischen Bewegung. Beide Bewegungen könnte man bis zu einem gewissen Punkte mechanisch erklären. Die unmittelbare Berührung der Wurzel mit der nährenden Feuchtigkeit macht uns ihr Wachstum mechanisch (wie wir glauben) verständlich, sonach auch die besondere Richtung des Wachstums. Wenn die Amöbe ihre Tentakel nach der Richtung eines Nahrungspartikelchens aussendet, nach der Richtung der Nahrung wächst, trotzdem eine unmittelbare Berührung nicht stattgefunden hat, so können wir uns das immer noch mechanisch so vorstellen, daß die Amöbe die in der Umgebung des Partikelchens fein zerstreuten Teilpartikelchen auf sich so wirken läßt, wie der Mensch auf eine größere Entfernung riecht, als er schmeckt. Die Assimilation der Nahrung wird dann ebenso leicht und ebenso schwer erklärbar wie die Wirkung zweier Stoffe aufeinander, die sich chemisch verbinden. Es steht nichts im Wege, diese Wirkung chemischer Stoffe aufeinander einem gegenseitigen Reize zuzuschreiben, nur daß wir das Wort Reiz auf diese Stoffbeziehungen nicht anzuwenden pflegen. Denn mit dem Worte Reiz verbinden wir eben die Vorstellung von einem einheitlichen, nach menschlichem Standpunkt zweckmäßigen Organismus, der mikroskopische oder makroskopische Bewegungen ausführt, um sich einem Erlebnis anzupassen. Bei chemischen Vorgängen fehlt uns diese Vorstellung der Zweckmäßigkeit des Organismus. Ich will sagen, daß man den Begriff Seele, wenn man ihn vom Menschen über das Tier hinaus erst auf die Pflanzen angewendet hat, mit einer um einen Schritt weiter gehenden Metapher auch auf die unorganischen Dinge erstrecken könnte, insofern sie chemisch aufeinander reagieren. Wie denn der Begriff der Verwandtschaft auf diese Beziehungen längst angewandt worden ist. Wir werden noch sehen, wie diese Ausdehnung des Seelenbegriffs wirklich von Fechner, der da oft mehr ein humoristischer Dichter und Träumer als ein Philosoph war, in kühner Phantasie gewagt wurde.


 © textlog.de 2004 • 24.01.2017 06:04:15 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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