Äther


Man glaube ja nicht, der Seelenbegriff sei der einzige, bei welchem das Karussell- oder Ringelspiel um eine immaterielle Substanz gespielt werde. Man nimmt solche Phantasiegeschöpfe immer zu Hilfe, wo man den stofflichen Träger einer Erscheinung nicht wahrnimmt. So hat man für die Lichtwellen und neuerdings für die elektro-magnetischen Licht- und Wärmewellen einen stofflichen Träger gesucht und, da man ihn nicht fand, den Äther zum Träger des Lichts gemacht. Ganz ähnlich war die Seele der Träger seelischer Erscheinungen; nur der Zufall der Sprache hat für Äther ein besonderes Wort geschaffen. Das geht noch weiter. Dem Phantasiegebilde Äther gegenüber scheint Licht etwas relativ Wirkliches zu sein, den einzelnen Lichterscheinungen gegenüber ist "Licht" doch wieder nur eine Personifikation; es wird als die Ursache der Sichtbarkeit der Körper definiert, also als die Seele der Lichterscheinungen. Zu diesen gehören — ich schreite noch weiter — wieder die Farben. Mit demselben Rechte, mit dem man den Äther zum Träger des Lichts und das Licht zur Ursache der Lichterscheinungen macht, könnte man "die Farbe" zur Ursache der vielen einzelnen Farben machen; hat man sich doch vor der Ungeheuerlichkeit nicht gescheut, das Gesicht, das Gehör, das Gefühl als Ursache sichtbarer, hörbarer und fühlbarer Erscheinungen zu hypostasieren. Und niemand nimmt Anstoß an diesen ganz gemeinen Worten: Gesicht, Gehör, Gefühl, die doch für meinen "Geschmack" relative Neubildungen sind wie die scholastischen Quidditäten und Haecceitäten. Nach Analogie dieser Worte müßte man auch von einem "Geseel" sprechen. Oder von einem "Gedenk", nur daß wir dieses letzte Wort zufällig wirklich und sehr lebendig in dem gemeinsprachlichen "Gedächtnis" besitzen. Es ist, Wie oft in diesem Werke hervorgehoben werden muß, das ewige Bedürfnis der Menschen, die Wirkungen, die sie erfahren, und die sie unmittelbar als Adjektive und höchstens als Verben ausdrücken können, durch Erfindung von Substantiven in die Welt zurückzuwerfen und so den Schein einer wahrgenommenen Wirklichkeit zu erzeugen.

Das Wort Äther bezeichnet in der Mythologie einen Enkel des Chaos, einen Sohn des Erebos und der Nacht, also eine Art Mephisto. Und wirklich ist schon zur Griechenzeit in den Orphischen Hymnen die mythologische Figur zu einem Patron der Weltseele Verblasen worden, wie denn der Äther auch in der heutigen Physik halb mythologische Maske, halb Weltseele ist. Wer nicht glauben sollte, daß in den hellen Hallen der Mechanik von heute solche Unwesen herumspuken, der bedenke folgendes.

Unsere gesamte Mechanik, ja unsere gesamte Naturwissenschaft, soweit sie bereits exakte Wissenschaft zu heißen Anspruch macht, ist Atomistik. Das wird die eine Partei gern zugeben, die andere nicht gut leugnen können. WTas immer wahrnehmbar ist auf der Welt, was auch nur dem Fernrohr oder dem Mikroskop erreichbar ist, das sucht man auf eine ziffermäßige Bewegung unendlich kleiner Teile zurückzuführen, eben der Atome, worunter sich freilich seit den zweitausend Jahren ihrer Wortexistenz noch niemand etwas Reales hat vorstellen können. Weshalb denn auch gegenwärtig eine Atomistik ohne Atome gelehrt wird, die sogenannte Energetik. Es ist beinahe wie in der Ethik, wo auch das Staats- und Völkerleben immer mehr atomisiert, auf das Recht des Individuums (atomon = Individuum) zurückgeführt worden ist, bis die Definition des Individuums neue Schwierigkeiten machte. Nun sollte man glauben, daß die Wissenschaft nach ihrem letzten Wort nicht weibisch noch ein allerletztes vorzubringen haben sollte, daß sie ehrlich genug sein sollte, nach ihrer Bankerotterklärung nicht sofort neue Schulden zu machen. Das tut aber die Mechanik, indem sie ihre Blöße gröblich mit den durchsichtigen Latten "Äther" zu decken sucht und zwar so:

Die mathematisch faßbaren Sätze der Mechanik (in ihrem weitesten Sinne) haben eine Grenze ihrer verständlichen Anwendbarkeit, eine Grenze nach unten und eine Grenze nach oben. Nach oben hin kann die Astronomie die Gravitation bis auf die sinnlos weit entfernten Doppelsterne ausdehnen, die Spektralanalyse ihre Theorie des Lichts bis zum letzten Sternchen, das jenseits des Vorstellbaren vor Jahrhunderten das Licht entsendet haben soll, das wir heute erblicken. Aber Gravitation und Lichttheorie können die Körper nicht entbehren und mit den Körpern müssen sie zu Grunde gehen. Darum wirft die Naturwissenschaft in den schwindelweiten Abgrund des körperlosen Raums ihren Äther, das wesenlose Etwas, das unwägbare Gewicht, das Spinnennetz ohne Faden. Und ebenso haucht die Physik und Chemie in der Welt des unendlich Kleinen den lebendigen Widerspruch, den Mephisto Äther, zwischen die Reigentänze der Atome und der Moleküle, um dort die Zweifel und Ratlosigkeiten der höheren Mathematik zu vernichten.

Was die Wissenschaft dazutut, ist also wieder mythologisches Beiwerk. Sie müßte ehrlich sagen: Hier, an der untersten wie an der obersten Grenze des Wahrnehmbaren, versagt uns mit der Sprache das Denken. Wir können nichts mehr beobachten, nichts mehr vorstellen, nichts mehr wissen. Und selbst die Widersprüche, auf die wir stoßen, sind nicht klar gewußte Widersprüche, sie sind in Wahrheit metaphysisch, spielerisch, witzig, also dumm. Anstatt so zu sprechen, handelt die stolze Wissenschaft von heute genau so, wie die Barbaren des einstigen Griechenlands; sie sucht die Rätsel der Welt mit mythologischen Figuren zu lösen, und wie jede Reklame für ein Schwindelheilmittel nach Fremdworten greift, so hat auch die Mechanik den alten Äther, den Enkel des Chaos, den Sohn des Erebos und der Nacht, bemüht, und unsere Studenten bemühen sich, mit dem ganzen Apparat des Kehlkopfs und den Nebenapparaten den Hauch Äther nachzusprechen, und beim Examen wiederholen sie auch vielleicht noch die Faxerei, daß das Gewicht des Äthers fünfzehn Trillionen mal leichter sei als das der Luft. Wollte aber einer von ihnen eine Aktiengesellschaft zur Errichtung einer Zuckerfabrik gründen, in welche Ameisen den Saft der von ihnen gezüchteten Läuse zu liefern hätten, so käme er wohl im? Irrenhaus.

Ein Wortführer der Energetik, W. Ostwald, hat neuerdings (Vorlesungen über Naturphilosophie, 2. A., S. 151) den Ätherbegriff, den er "immaterielle Materie" nennt, vortrefflich charakterisiert. "Alle Versuche, die Eigenschaften des Äthers nach Analogie der bekannten Eigenschaften der Materie gesetzmäßig zu formulieren, haben zu unlösbaren Widersprüchen geführt. So schleppt sich die Annahme von der Existenz des Äthers durch die Wissenschaft, nicht weil sie eine befriedigende Darstellung der Tatsachen gewährt, sondern vielmehr, weil man nichts Besseres an ihre Stelle zu setzen versucht oder weiß." Ostwald weiß das Bessere (S. 239): ein Träger für seine Energie ist überflüssig; die Energie ist im Räume ohne Äther vorhanden und wandelt sich ohne Äther. "Irgend eine Schwierigkeit in der Darstellung und Auffassung entsteht dadurch nicht." Man könnte dem Naturphilosophen antworten: eine Schwierigkeit in der Darstellung und Auffassung sehe auch die naive Weltanschauung nicht bei ihrem robusten Glauben an die Körperwelt. Einfacher hat Newton, in dem merkwürdigen Anhang des 3. Buches der Optik (Quaest. 21), gesagt: iste aether quid sit non definio.

 

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