Descartes


Dem naturwissenschaftlich gebildeten und theologisch etwas freieren Descartes war es vorbehalten, die Welt mit einem scheinbar faßbareren Dualismus von Seele und Leib zu beschenken. Descartes heißt insofern mit Recht der Vater der modernen Philosophie, als er eine psychologische Methode anzuwenden suchte und als seine Schlagworte Teile der Gemeinsprache geworden sind. Der Halbgebildete, der z. B. heute anzunehmen meint oder bloß sagt, das Wesen des Stoffes bestehe in der Ausdehnung, werde von den Sinnen wahrgenommen und sei Objekt der Physik, das Wesen des Geistes sei das Denken und könne nur vom Bewußtsein wahrgenommen werden — dieser Halbgebildete hat sicherlich keine Ahnung davon, daß er ein Cartesianer ist. Der Dualismus ist die Hypothese des Descartes; er steckt offen oder verborgen fast in allen philosophischen oder populären Schriften bis auf die Gegenwart; und der Grundirrtum des neueren Materialismus, der einen materialistischen Monismus lehren möchte, scheint mir darin zu bestehen, daß er wortabergläubisch den cartesianischen Dualismus auf dem Standpunkte Descartes' bekämpfen möchte. Materie und Geist, Leib und Seele sind Korrelatbegriffe wie rechts und links. Solange der Materialismus an die Materie glaubt und sie zur Ursache des Geistes macht, solange der Materialismus rechts anerkennt und links leugnet, solange ist er ahnungslos cartesianisch.

 

* * *


 © textlog.de 2004 • 25.02.2017 05:46:32 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright