Parallelismus


Die einseitige Wahrheit des Materialismus, daß die geistige Tätigkeit an ihrem körperlichen Organe haftet, bedarf wohl keines Beweises mehr. Ist auch nicht neu, ist eigentlich niemals bestritten worden. Der krasse Dualismus ist durch unzählige Beobachtungen am gesunden wie am geisteskranken Menschen überwunden; der sogenannte Parallelismus zwischen Denken und Gehirn ist jetzt das letzte Wort der Wissenschaft. Der Ausgangspunkt von Spencers Psychologie ist die Tatsache, daß in der Entwicklungsreihe der Tierwelt (der Satz würde auch gelten, wenn man keine Entwicklung annähme) die Stärke und die Kompliziertheit der Bewegungen in einem bestimmten Verhältnisse stehe zu der Nervenmasse des Tieres. Bain sagt einmal, es nehme der Verstand (das ist ja schließlich die Stärke und Kompliziertheit der Bewegungen) in geometrischem Verhältnisse zu, während das Gehirn in arithmetischem Verhältnisse wachse; das ist eine in ihrem mathematischen Ausdruck völlig unbewiesene Behauptung, aber sie trifft doch offenbar ungefähr die Wahrheit. Nicht mathematisch, aber bildlich; so wie Fechners logarithmische Proportion zwischen Reiz und Empfindung. Halten wir daran fest, daß wir zur Beobachtung irgendwelcher geistigen wie körperlichen Erscheinungen nur unsere Zufallssinne besitzen, daß wir also auch vom Verstande nur diejenigen Erscheinungen wahrnehmen, die Bewegungen sind (wie zweckmäßiges Handeln, Sprechen u. s. w.), erinnern wir uns, daß alle Bewegungen durch Muskeln erzeugt werden, die Muskeln aber durch Nerven gelenkt, so kann uns das stürmische Anwachsen der Nerventätigkeit im Verhältnisse zu dem langsamen Anwachsen der Nervenmasse nicht mehr überraschen. Der Mensch z. B. besitzt vier- bis fünfhundert Muskeln, in denen die unzähligen zusammengehörenden Einzelfasern gewöhnlich gemeinsam operieren. Er besitzt aber in seiner durchschnittlich drei bis vier Pfund wiegenden Nervenmasse einen Komplex von vielen Millionen isolierten Nervenfasern. Man hat berechnet, daß auf eine einzelne sogenannte Vorstellung des Gehirns fünftausend bis hunderttausend Nerventeilchen kommen (ich übersehe dabei absichtlich vorläufig den Unterschied zwischen Nervenfasern und Nervenzellen); man hat beweisen zu müssen geglaubt, daß das Denken niemals schneller vor sich gehen könne, als die Geschwindigkeit auf den Nervenbahnen es gestattet, daß z. B. ein Walfisch von neunzig Fuß Länge, wenn er von der Harpune im Schwanz getroffen wird, also neunzig Fuß von seinem Gehirn entfernt, zwei Sekunden brauche, bevor er mit dem Schwänze gegen seinen Angreifer reagieren kann. Man hat nun den Parallelismus zwischer Denken und Gehirn, zwischen Seele und Leib so darzustellen versucht wie den künstlichen Organismus der Stadtpost, welche alle Briefe zunächst in einer Zentralstation vereinigt, um sie trotz dieses Umweges so am schnellsten wieder über die Stadt zu verteilen. Es wären dann die zuführenden Wagen die sensiblen Nerven, die abfahrenden die motorischen. Ich möchte die Vergleichung mit einem Telefonnetz und seinen Stationen vorziehen und dadurch sogar das Automatische des Vorgangs bildlich zu erklären hoffen.

Dieser Parallelismus, mit dem wir uns bald näher beschäftigen werden, führt uns aber dem Kern der Frage um keinen Schritt näher. Wir empfinden es als einen zwingenden Gedanken, daß wir zwei Dinge parallel nennen, die im Grunde identisch sind. Die Fische sehen den Meeresspiegel von unten, die darüber fliegenden Vögel sehen ihn von oben. Wenn nun ein Mensch den Meeresspiegel von der einen Seite beobachten, von der anderen Seite nur ahnen könnte, so wäre er wohl fähig, diese identischen Meeresspiegel für zwei parallele Flächen zu halten. So beobachtet er bis zu einer gewissen Grenze das tätige Gehirn, macht das Abstraktum Tätigkeit zu einer selbständigen Sache und kommt der Wahrheit immerhin bildlich näher, wenn er wenigstens einen Parallelismus erblickt, wo Identität ist.


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