Selbstbeobachtung


Was mir aber die Berufung auf die Reihen der experimentellen Psychologie bis zur Unmöglichkeit verleidet hat, das ist ein Umstand, über den ich einen Exkurs von Bücherdicke schreiben müßte, um das ganze Feld abzumähen. Es steckt nämlich hinter dem scheinbar objektiven Verfahren der Experimente doch nur die alte, vielgeschmähte, unumgängliche Selbstbeobachtung. Münsterberg hat das im allgemeinen erkannt, nicht aber im besonderen. Er weiß, daß die Begriffe, die unseren Spekulationen über mikroskopische und chemische Nervenuntersuchungen. zu Grunde liegen, der uralten Selbstbeobachtung entstammen. Aber er sieht nicht, daß die psychologischen Versuche selbst mit all ihrer Präzisionsmechanik und logischen Vorsicht doch nur Selbstbeobachtungen sind. Er braucht zu seinen Versuchen zwei Psychologen, einen experimentierenden und einen reagierenden Herrn; er sieht nicht, daß der experimentierende Herr gar nicht zur Sache gehört, daß der Versuch einzig und allein am reagierenden Herrn ausgeführt wird, und daß das Ergebnis völlig wertlos wäre, eine unbenannte Zahl, ohne die Selbstbeobachtung des reagierenden Herrn.

Der Begründer der Psychophysik, G. T. Fechner, war es. der zuerst das Verhältnis zwischen der geistigen und der körperlichen Seite der Existenz auf Zahlen, auf Maßbeziehungen zurückführen wollte. Aber der überlegene Fechner scheint mir auch in seinen exakten Arbeiten (selbst in seiner "Revision der Hauptpunkte der Psychophysik") niemals völlig vergessen zu haben, daß er ein bißchen phantasierte, mit Bildern operierte. Aus Bildern soll man niemals Schlüsse ziehen. In keiner Wissenschaft wäre diese banale Lehre so wichtig wie in der Psychologie. Nur daß die skeptische Sprachkritik hinzufügt: Bilder stecken in jedem Worte oder Begriffe, also soll man aus Worten oder Begriffen überhaupt keine Schlüsse ziehen.


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