Denken und Sprechen nur Verben


Nicht nutzlos scheinen mir alle diese Betrachtungen über das Verhältnis von Denken und Sprechen. Aber denkhaft sind sie und sprachhaft, vor der letzten sprachkritischen Arbeit angestellt. Darum klingen sie aus in der tragischen Verzweiflung, die fast wieder Wortknechtschaft ist, anstatt in dem resignierten lachenden Zweifel sprachkritischer Befreiung. Am Ende des Weges hätte ich einfach fragen dürfen: Was geht es mich an, daß die Worte Denken und Sprechen zufällig entstanden sind? Daß die beiden Worte im Sprachgebrauche einander unregelmäßig durchschneiden? Daß ihre Umfange sich nicht zu sauberen Kreisen gestalten? Und hätte ich nicht ebenso breit und gewissenhaft ähnliche Verhältnisse analysieren müssen? Gott und Welt? Energie und Stoff? Leben und Organismus? Sprechen und Verstehen? Und scholastisch nicht immer wieder auf den Gegensatz von subjektiv und objektiv kommen müssen?

Am Ende des Weges könnte ich aber doch, anschaulicher als bisher, klar zu machen suchen, warum ich Denken und Sprechen immer wieder gleich setzen muß, als die beiden gleichwertigen Begriffe für die Summe des menschlichen Gedächtnisses, warum ich trotzdem die verschiedene Tönung der Begriffe im Sprachgebrauche zugebe. An dieser Stelle muß ich kurz vorwegnehmen, was erst bei der Kritik des Zeitworts (im 2. Kapitel des 3. Bandes, I. Abt.) deutlich werden wird: Daß es irgend ein Verbum in der Welt unserer Vorstellungen nicht gibt, daß die Vorstellungen des Handelns insgesamt durch einen heimlichen Zweck entstehen, durch den Zweck im Verbum, außerhalb der Natur, durch die menschliche Zweckvorstellung. Es gibt nirgends etwas wie "graben" oder "gehen", es gibt nur unzählige Bewegungen oder Handlungsdifferentiale, die wir je nach dem Zwecke der Handlung als "graben" oder als "gehen" begreifen. Es gibt nirgends ein "Begreifen", es gibt nur unzählige mikroskopische (bildlich, nicht materialistisch) Bewegungen oder Veränderungen, die wir als "begreifen" begreifen oder zusammenfassen. Solche Verba sind auch Denken und Sprechen. Zusammenfassungen menschlicher Bewegungen zu einem Zweck. Handlungen, die auseinanderfallen, wenn der Ort der Handlung in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit fällt. Die zusammenfallen, wenn die Aufmerksamkeit sich richtet auf den Erzeuger des Verbums, den Zweck. Sprache oder Denken ist da, so oft menschliches oder tierisches Handeln durch Gedächtniszeichen erleichtert wird, also eigentlich immer. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wird bald der Begriff Denken, bald der Begriff Sprechen unkontrollierbar erweitert und dann decken sich beide Begriffe für ein Weilchen nicht. In der Sprache nicht. Das diskursive Denken ist mit der Sprache identisch. Das Denken kann aber auch sprunghaft werden und dann läßt es die Krücken der Sprache los. Wie beim Sprunge über den Graben, beim verstandesmäßigen Handeln von Mensch und Tier. Wirklich ebenso. Das verstandesmäßige Handeln fällt unter den erweiterten Begriff Denken. Nicht anders könnte man auch den Begriff "sprechen" erweitern auf jede Benützung von Gedächtniszeichen, mit deren Hilfe sich das Tier in der Welt orientiert. Sprunghaft wären dann die Instinkthandlungen bei Mensch und Tier.

Der Zweck im Verbum ist zum gegenseitigen Verstehen notwendig. Darum ist die Mitteilungsmöglichkeit bei den Tieren (Tierstaaten ausgenommen) so gering. Darum verstehen Menschen und Tiere einander nicht leicht. Der Mensch sagt: "Ich denke und spreche; der Hund bellt." Der Hund bellt vielleicht: "Ich denke und spreche; der Mensch bellt." Der Mensch: "Ich spreche; der Buchfink singt." Der Buchfink: "Ich spreche; der Mensch singt."A sagt: "Ich denke; B spricht." B sagt: "Ich denke; A spricht."

Noch ein Beispiel, um das Verhältnis von Denken und Sprechen lachend klar zu machen. Wie bei der Handlung des Sprechens der Zweck im Verbum oft nicht zum Bewußtsein kommt, so auch nicht immer bei der Handlung des Gehens. Man nennt die zwecklose Fortbewegung "gehen", landschaftlich auch laufen oder springen. (Ähnlich für sprechen: reden oder sagen.) Läuft aber der Hund oder der Mensch dem Hasen nach, so jagt er den Hasen. Da haben wir zwei WTorte, jagen und laufen, die sich ebenso weit voneinander entfernen wie denken und sprechen, und die dennoch zusammenfallen, bis in ihre Bewewegungsdifferentiale.

Der Zweck erzeugt sich das Verbum, die zweckmäßige Menschensprache mit ihren Begriffen und Kategorien erzeugt sich das Denken. Vielleicht ist die hier versuchte Darlegung des Verhältnisses von Denken und Sprechen nicht gar zu ferne von Kants tiefster Lehre, seiner wahrhaft kopernikanischen Revolution. "Zur Erfahrung wird Verstand erfordert." Und Vernunft. Denn die objektive Welt stammt von unsrer Begriffswelt ab, die eroberte Gedankenwelt von der ererbten Sprache.


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Seite zuletzt aktualisiert: 30.06.2005 
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