Eßbare Pflanzen


Verfolgen wir dieses phantastische Beispiel weiter, so sehen wir, wie die Psychologie des Urmenschen sich von der des heutigen nicht unterscheiden konnte. Sein "Denken" wirkte auf das Sprechen, sein "Sprechen" aber auch auf das Denken. Eine neue Beobachtung, eine neue sinnliche Erfahrung hatte ihn das Wort auf die Reiskörner ausdehnen lassen. Das Denken beeinflußte das Sprechen. Jetzt aber mußte das Wort, welches bis dahin gelegentlich zwischen Hülsenfrucht und Pflanzennahrung schwankte, eine Neigung zu dem weiteren Begriffe erhalten. Durch den Besitz des in seinem Begriffsumfang erweiterten Wortes mußte dem Kerl näher zu Gemüte geführt werden, daß es eine Klasse von Dingen gebe, die man eßbarePflanzen nennen könnte. Und es mußte eine Zeit kommen, wo er, wenn er den Kindern z. B. aus der Entfernung die freudige Nachricht mitteilen wollte, ein besonderes Wort oder ein adjektivisches Kennzeichen für Hülsenfrucht erfand. Hatte er bis dahin nur Erbsen und Linsen gekannt und fand nun eines Tages auch Bohnen, so wurde das neue Wort für Hülsenfrüchte wieder mit tätig bei der Bildung eines neuen Klassenbegriffs. So wirkte das Sprechen auf das Denken. Noch im 17. Jahrhundert, als man schon anfing, die 6000 bekannten Pflanzenarten in künstlichen Systemen zu ordnen, galt es nicht für unwissenschaftlich, die Nutzpflanzen, die eßbaren Pflanzen als besondere Abteilungen zu behandeln. Und den unsystematischen Gattungsbegriff "Obst" wird die Gemeinsprache niemals los werden.

Seit langer Zeit zerbrechen sich die Psychologen die Köpfe darüber, wie dieser gefährliche Zirkel zu vermeiden sei, daß die Sprache dem Denken entsprungen sei, das Denken aber Sprache voraussetze. Dieser Zirkel ist aber nur vorhanden, wenn man sich mit der alten Psychologie das Denken als die Tätigkeit einer besonderen übermenschlichen Denkkraft vorstellt. Für unsere Anschauung macht es nicht die geringste Schwierigkeit, wenn wir zu diesem Zwecke überhaupt die Begriffe Sprechen und Denken trennen wollen, auch diese sogenannte Wechselwirkung zu begreifen. Hier ist es wieder eine ähnliche Wechselwirkung, wie sie zwischen Sprache und Schrift besteht. Der Vorgang im Gehirn hat auch nicht den Charakter einer Wechselwirkung, sondern einer langsamen Steigerung. Das vorsprachliche Denken ist ein Beobachten, ein allmähliches Sammeln von Ähnlichkeiten, ein Aufmerken, ein Einüben der Gedächtnisbahn, das so lange fortgesetzt wird, bis die neue Bekanntschaft das Bedürfnis erzeugt, sie durch ein Zeichen festzuhalten. Ist das Zeichen einmal gebraucht und durch den Verkehr bestätigt, so geschieht nichts weiter, als daß die Einübung des neuen Begriffs oder des neuen Begriffsinhalts noch rascher erfolgen kann, weil ein sinnliches Zeichen dafür vorhanden ist. Diese Bequemlichkeit bei der Einübung, dieser Zwang, bei dem gewählten Zeichen zu bleiben, erscheint uns dann als eine Rückwirkung der Sprache auf das Denken.


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