Nicht verstehen


Zu den Gründen, weshalb die Menschen einander nicht verstehen können, gehört zunächst das allmähliche Wachsen der Worte, also die Geschichte jeder Sprache.

Und zwar werden die Worte, aller Logik entgegen, gleichzeitig nach ihrem Inhalt und nach ihrem Umfang reicher. Man vergleiche, was ein Kind oder ein Bauer unter "Stern" begreift, und was ein Astronom. So wenig nun die Kontinuität, die Erinnerung, die Persönlichkeit dadurch abgerissen ist, daß aus dem Säugling von 10 Pfund eine Amme von 200 Pfund geworden ist, so wenig hat jemals eine Unterbrechung stattgefunden im Leben des Worts. Und da das Wort von einem Menschen auf den anderen übergeht, so kann man wohl sagen, daß unsere Worte ein Wachstum von ungezählten Jahrtausenden hinter sich haben. Wie der Weinstock, der heute in der Forster Gemarkung Früchte trägt, im Grunde derselbe ist, der in Urzeiten etwa in Persien wuchs, dann auf Umwegen über wer weiß welche Kulturländer als ein Steckling nach Italien kam, von dort durch die Laune eines Kaisers an den Rhein, und von da wieder an die Hardt, wie also das, was man nicht benennen kann, was aber das Leben dieses Wein Stocks ausmacht, unsterblich seit Jahrtausenden weiter treibt: so jedes Wort, das wir gebrauchen. Aber wie nur einzelne dieser Weinstöcke etwa persönlich 100 Jahre alt werden, wie der uralte persische Weinstock in jedem Individuum der Forster Gemarkung neu zu treiben beginnen muß, so wächst das Wort in den Jahrtausenden ruhig weiter, während es doch in jedem einzelnen Menschenindividuum neu zu keimen beginnen muß.

So wie aber nun an den unzähligen Weinstöcken der gleichen Art mit ihren tausendmal unzähligen Blättern und Beeren nicht zwei gleiche Blätter oder zwei gleiche Beeren sind, so hat das einzelne Wort, das in Millionen von Volksgenossen millionenmal keimen mußte, nicht bei zweien genau den gleichen Inhalt, den gleichen Umfang, den gleichen Wert.

Bei den Blättern achtet man nicht darauf, wenn sie nur im Winde rauschen. Und auch bei den Beeren kommt es für die Praxis nicht darauf an, wenn sie nur unter der Kelter ein Gemengsei geben, das sich trinken läßt. Für die Praxis genügt auch die menschliche Sprache, wahrscheinlich darum, weil es jedem einzelnen nur um sich selbst zu tun ist. Nur die Narren, die verstehen und verstanden werden wollen, empfinden die Unzulänglichkeit der Sprache.

 

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