"Im Anfang"


"Im Anfang", das soll nämlich heißen im Anfang der Ewigkeit oder vielmehr: als die Welt, d. h. die Ewigkeit anfing. Ein dichterischer Einfall. Im Hebräischen ist die Metapher noch fühlbar. Im Anfang - am Kopfende. Luther selbst übersetzte etwas vag "am Anfang", während er den Anfang des Johannesevangehums (en archê) schon neumodisch mit "im Anfang" wiedergab. Bei "im Anfang" mochte er an den Anfang der Ewigkeit denken, bei "am Anfang" an das Ende einer Ewigkeit und den Beginn einer neuen Epoche Uns berührt das biblische "im" oder "am Anfang" dichterisch, ewigkeitlich. Daraus ist dann die erzphilisterhafte Anschauung von einer sehr langen Zeit geworden, die im Anfang anfing und mit dem jüngsten Tage aufhört. Es bedarf für niemand eines Beweises, daß der Kausalnexus, der für uns die Welt ist, anfanglos war. "Im Anfang" ist also, prosaisch gefaßt, Unsinn.

"Schuf". Das Verbum "schaffen" ist aus der Kinder-und Ammensprache der Völker in unseren Sprachschatz übergegangen. Ein hübsches Märchen- und Dichterwort. Das Tischlein deck' dich des Glaubens. Später dachte sich der Philister den alten Mann oben wirklich etwa wie einen Zauberbäcker, der Brot ohne Mehl formt. Jetzt ist der Begriff schaffen freilich so tief gesunken, daß nur noch die Beschränktheit gegen die Erhaltung der Energie (oder wie man die Wahrheit hinter diesem Modewort ausdrücken mag) predigt. Für unsere Begriffswelt ist schaffen Unsinn.

"Gott". Im hebräischen Urtext heißt es Götter. Die Götter waren vorzügliche Figuren realistischer Dichter. Gott, nicht minder schön, wenn auch schon etwas negierend, von einem idealistischen Dichter erfunden. An Gott klammert sich der Schwache heute noch, besonders wenn er viel Geld oder starke Schmerzen hat. Der Philister benennt darum diejenigen, denen der Begriff sinnlos geworden ist, mit einem negierenden Ekelnamen. Man nennt sie die Atheisten, die "Gottlosen", als ob der Theismus das Natürliche wäre, weil er weit verbreitet ist. Das ist so, als wenn man in einer Blindenanstalt die sehenden Arzte und Wärter die Unblinden nennen wollte.

"Himmel und Erde." Nun sollte man meinen, diese beiden Begriffe müßten geblieben sein, da sie doch das erste sind, was selbst ein neugeborenes Huhn wahrnehmen muß, die Erde, wenn es pickt, den Himmel, wenn es trinkt. Sieht man aber genauer zu, so sind nur die Worte geblieben, nicht die Bedeutungen. Der Himmel war dem alten Bibelschreiber etwas Handgreifliches, ein Kuppelgewölbe, eine Wohnung für den lieben Gott, wo der einen Riegel vorschieben konnte und sagen: das ist der Anfang, und sich mit seinen Apparaten daran machen konnte, Brot ohne Mehl zu backen. Hühner und Menschen sehen den Himmel heute wie damals. Aber was Astronomen berechnet haben, ist so sehr Gemeingut geworden, daß die große Kuppel heute für jeden Schulknaben eine optische Täuschung ist, ohne ein Atom Wirklichkeit. Damals hätte man fragen können, wo denn Gott wohnte, bevor er den Himmel schuf; heute müßte jeder Schulknabe sagen: Der Himmel ist eine Täuschung. Und derselbe Schulknabe hat heute von der Erde einen anderen Begriff als der Bibelschreiber, dem sie ganz kindlich und poetisch ein Garten war inmitten der Welt. Wohlgemerkt: die Erde als Ganzes. Sonst bedeutet "Erde" doch nur den Boden auf kurze Distanz, auf den man fällt, in dem man begraben wird. Der Bedeutungswandel (auf den auch Gelehrte nicht geachtet haben) betrifft zumeist "die Erde" als Ganzes. Heute ist sie ein Sandkorn irgendwo am Kraftrande eines Sönnchens, das irgendwo schwebt. Himmel und Erde sieht man noch wie damals, aber die alten Vorstellungen von ihnen sind sinnlos geworden. Wobei nicht zu übersehen, daß "Himmel und Erde" in vielen asiatischen Sprachen als eine feste Redensart zusammengehören, daß also die Sprache dem Gotte, der die Erde schuf, vorschrieb, auch den Himmel zu schaffen, in dem er schaffend schon wohnte.

So bleibt von dem monumentalen ersten Satze der Bibel nichts übrig als die Wörtchen "im" und "und". Unsere Sprachkritik wird im weiteren Gange nicht davor zurückschrecken, auch solche Flickwörter zu analysieren, ihr Werden und Vergehen zu erkennen und die Unbestimmtheit ihres Sinnes.

Und so wie der Anfangsatz der Bibel, so ließe sich Zeile für Zeile aus jedem Buche, das vor unserem Geschlechte geschrieben war, als gealtert und unvorstellbar nachweisen, wenn jemand sich die Mühe nehmen wollte, die Kulturgeschichte rückwärts zu schreiben.


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