Moralprinzip

Moralprinzip heißt ein fundamentaler Satz, welcher als höchste Norm für den Willen aufgestellt wird. Man unterscheidet formale und materiale Moralprinzipien; jene berücksichtigen nicht das Objekt und Ziel des Handelns, sondern nur die Art der Willensbestimmung (z.B. Kants kategorischer Imperativ); diese fassen das Objekt der Handlung, Ihren realen Zweck ins Auge (Glück, Güte, Vollkommenheit u. dgl.). Gemischte Moralprinzipien berücksichtigen beides. Die materialen Prinzipien sind stets empirisch, d.h. aus der Erfahrung abgeleitet, und zwar 1. eudämonistisch, wenn sie das Wohl des einzelnen (Aristoteles) oder der ganzen Gesellschaft erstreben (Epikur, Bentham); 2. rational oder idealistisch, wenn sie die Quelle der Sittlichkeit in der Vernunft suchen (Leibniz, Herbart); 3. supernaturalistisch, wenn sie als Quelle Gott bezeichnen (Ulrici, Fichte).

Von den verschiedenen Philosophen sind recht mannigfaltige Moralprinzipien aufgestellt worden. Platon (427-347) lehrt: Versuche, so schnell als möglich aus dieser Welt in jene zu fliehen! Die Flucht macht dich möglichst gottähnlich. Gottähnlichkeit aber besteht darin, fromm und gerecht mit Einsicht zu sein (Theaet. 176 A peirasthai chrê enthende ekeise pheugein hoti tachista. phygê de homoiôsis tô theô kata to dynaton; homoiôsis de dikaion kai hosion meta phronêseôs genesthai). Aristoteles (384-422): Strebe nach Eudämonie! (eudaimonia, to eu zên, to eu prattein). Die Stoiker: Lebe in Übereinstimmung mit dir und der Natur! Epikur (341-270): Erstrebe Lust, d.h. körperliche und geistige Leidenlosigkeit! Spinoza (1632 bis 1677): Das höchste Ziel ist die intellektuelle Liebe zu Gott (amor intellectualis dei). Leibniz (1646-1716): Strebe nach Vollkommenheit! Pufendorf (1632-1694): Sei gemeinnützig! Shaftesbury (1671-1713): Richtige Selbstliebe ist der Gipfel der Weisheit. Smith (1723-1790): Handle deinem sittlichen Gefühle gemäß! Kant (1724-1804): Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne! Fries (1773-1843): Handle nach dem Grundsätze einer absoluten Wertgesetzgebung! Fichte (1762-1814): Handle frei und selbsttätig! Schelling (1775-1854): Handle als freies Individuum! Hegel (1770 bis 1831): Die Sittlichkeit ist der zur vorhandenen Welt und zur Natur des Selbstbewußtseins gewordene Begriff der Freiheit. Schleiermacher (1768-1834): Mache die Natur zum Organ und Symbol der Vernunft! Herbart (1776-1841): Bilde die Eigenart eines Vernunftwesens heraus, vermöge deren es den praktischen Ideen gemäß Gegenstand des Beifalls wird! Schopenhauer (1788-1860): Verneine den Willen zum Leben! v. Hartmann (1842-1906): Sittlichkeit ist die Mitarbeit an der Abkürzung des Leidens- und Erlösungsweges Gottes. Beneke (1798-1854) fordert, daß man in jedem Falle dasjenige tue, was nach objektiv und subjektiv wahrer Wertschätzung sich als das Höchste ergebet F. Nietzsche (1844-1900) lehrt: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt! Leiden sehen bereitet Lust, Leiden zufügen noch größere. Vgl. E. v. Hartmann: Phänomenol. d. sittl. Bewußtseins. 1879. F. Kirchner, Ethik 1881. Mangel eines allgemeinen Moralprinzips 1877.

 

 


Vergleiche ferner:

- Moralprinzip (Eisler, Wörterb. d. phil. Begr.)


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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