Siebenschläfer


Sechs Begünstigte des Hofes

Fliehen vor des Kaisers Grimme,

Der als Gott sich läßt verehren,

Doch als Gott sich nicht bewähret;

Denn ihn hindert eine Fliege,

Guter Bissen sich zu freuen.

Seine Diener scheuchen wedelnd,

Nicht verjagen sie die Fliege.

Sie umschwärmt ihn, sticht und irret

Und verwirrt die ganze Tafel,

Kehret wieder wie des häm'schen

Fliegengottes Abgesandter.

"Nun," so sagen sich die Knaben,

"Sollt' ein Flieglein Gott verhindern?

Sollt ein Gott auch trinken, speisen,

Wie wir andern? Nein, der Eine,

Der die Sonn erschuf, den Mond auch,

Und der Sterne Glut uns wölbte,

Dieser ist's, wir flieh'n!" Die zarten

Leichtbeschuht-beputzten Knaben

Nimmt ein Schäfer auf, verbirgt sie

Und sich selbst in Felsenhöhle.

Schäfershund, er will nicht weichen,

Weggescheucht, den Fuß zerschmettert,

Drängt er sich an seinen Herren,

Und gesellt sich zum Verborgnen,

Zu den Lieblingen des Schlafes.

 

Und der Fürst, dem sie entflohen,

Liebentrüstet, sinnt auf Strafen,

Weiset ab so Schwert als Feuer:

In die Höhle sie mit Ziegeln

Und mit Kalk sie läßt vermauern.

 

Aber jene schlafen immer,

Und der Engel, ihr Beschützer,

Sagt vor Gottes Thron berichtend:

"So zur Rechten, so zur Linken

Hab ich immer sie gewendet,

Daß die schönen jungen Glieder

Nicht des Moders Qualm verletze.

Spalten riß ich in die Felsen,

Daß die Sonne, steigend, sinkend,

Junge Wangen frisch erneute:

Und so liegen sie beseligt. 

Auch, auf heilen Vorderpfoten,

Schläft das Hündlein süßen Schlummer."

 

Jahre fliehen, Jahre kommen,

Wachen endlich auf die Knaben,

Und die Mauer, die vermorschte,

Altershalben ist gefallen.

Und Jamblika sagt, der Schöne,

Ausgebildete vor allen,

Als der Schäfer fürchtend zaudert:

"Lauf' ich hin! und hol' euch Speise,

Leben wag' ich und das Goldstück!"

Ephesus, gar manches Jahr schon,

Ehrt die Lehre des Propheten

Jesus. Friede sei dem Guten!

 

Und er lief, da war der Tore

Wart' und Turn und alles anders.

Doch zum nächsten Bäckerladen.

Wandt er sich nach Brot in Eile.

"Schelm!" so rief der Bäcker, "hast du,

Jüngling, einen Schatz gefunden!

Gib mir, dich verrät das Goldstück,

Mir die Hälfte zum Versöhnen!"

 

Und sie hadern. Vor den König

Kommt der Handel; auch der König

Will nun teilen wie der Bäcker.

 

Nun betätigt sich das Wunder

Nach und nach aus hundert Zeichen.

An dem selbsterbauten Palast

Weiß er sich sein Recht zu sichern;

Denn ein Pfeiler, durchgegraben,

Führt zu scharfbenamsten Schätzen.

Gleich versammeln sich Geschlechter,

Ihre Sippschaft zu beweisen,

Und als Ururvater prangend

Steht Jamblika's Jugendfülle.

Wie von Ahnherrn hört er sprechen

Hier von seinem Sohn und Enkeln.

Der Urenkel Schar umgibt ihn,

Als ein Volk von tapfern Männern,

Ihn, den jüngsten, zu verehren.

Und ein Merkmal über's andre

Dringt sich auf, Beweis vollendend;

Sich und den Gefährten hat er

Die Persönlichkeit bestätigt.

 

Nun zur Höhle kehrt er wieder,

Volk und König ihn geleiten. 

Nicht zum König, nicht zum Volke

Kehrt der Auserwählte wieder;

Denn die Sieben, die von lang her,

Achte waren's mit dem Hunde,

Sich von aller Welt gesondert,

Gabriels geheim Vermögen

Hat, gemäß dem Willen Gottes,

Sie dem Paradies geeignet,

Und die Höhle schien vermauert.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 11:01:08 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.06.2005 
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